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Kreis Wesel
"Wesel bleibt das Herzstück von Altana"

Kreis Wesel. Der Spezialchemie-Konzern Altana wächst durch Zukäufe im Ausland und investiert gleichzeitig in Wesel. Gestern präsentierte der neue Chef Martin Babilas die Bilanz 2015 - und verriet, was er von Krawatten im Büro hält. Von Florian Rinke

Als Martin Babilas vor knapp zehn Jahren in den Vorstand von Altana aufrückte, hatte das Unternehmen gerade die größte Wende der Unternehmensgeschichte hinter sich. Für 4,5 Milliarden Euro hatte der Konzern 2006 seine Pharmasparte verkauft und damit einen Großteil der Einnahmen und Mitarbeiter verloren. Der junge Manager war plötzlich Teil einer Truppe, die aus einem Mischkonzern einen Spezialanbieter machen sollte.

In vielen Unternehmen lösen Abspaltungen dieser Größenordnung Unruhe aus - Mitarbeiter fragen sich, ob es sie vielleicht als nächstes trifft. Babilas hat andere Erinnerungen an die Zeit: "In unserer Chemiesparte entstand eine richtige Aufbruchstimmung, weil wir allen klar gemacht haben, dass wir die Chemie gemeinsam ausbauen wollen." Sukzessive hat sich das Unternehmen seitdem - auch durch Zukäufe - vergrößert. Allein in Wesel stieg die Zahl der Mitarbeiter bei Altana und deren größter Tochter Byk zwischen 2005 und 2015 von 600 auf rund 900. Und das Eigengewächs Babilas, das Ende der 1990er Jahre mit 27 Jahren zu Altana stieß, ist inzwischen ganz oben angekommen. Gestern präsentierte er zum ersten Mal als Vorstandschef die Bilanz in Düsseldorf.

Der Umsatz stieg erstmals seit dem Pharma-Verkauf auf mehr als zwei Milliarden Euro - allerdings, und das trübt die gute Nachricht etwas - lag das überwiegend an Zukäufen und dem schwachen Euro, durch den Altana Produkte leichter in Länder außerhalb der Euro-Zone verkaufen konnte. Weil unter dem Strich trotzdem ein Gewinn von knapp 391 Millionen Euro blieb, blickt Babilas optimistisch nach vorne: "Wir sind gut gerüstet für weiteres Wachstum."

Eine große Rolle sollen dabei weiterhin Zukäufe spielen - weltweit, versteht sich. Allerdings, betonte Babilas gestern noch einmal, bleibe Wesel natürlich wichtig. "Der Standort bleibt das Herzstück von Altana und unserer Unternehmenssparte Byk." Daher werde auch weiterhin investiert.

Aktuell wird ein ehemaliges Firmengebäude an der Abelstraße umgebaut. Ende des Jahres soll alles fertig sein. Dann soll dort etwa das Gesundheitsmanagement angesiedelt werden. Neben Räumen für den Betriebsarzt gebe es auch Platz, um Fitness- und Entspannungskurse anzubieten, heißt es. "Auch solche Angebote spielen eine wichtige Rolle, um die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen", sagt Babilas: "Das steigert die Lebensqualität und auch die Leistungsfähigkeit."

Denn auch wenn Altana in der Region bekannt und als Arbeitgeber beliebt sei - letztlich werde man ebenso wie andere vom demographischen Wandel und dem damit verbundenen Fachkräftemangel betroffen sein, weiß Babilas. Ein Problem ist, dass Altana zwar in vielen seiner Geschäftsfelder Marktführer ist, aber so spezialisiert ist, dass viele nicht wissen, was das Unternehmen überhaupt herstellt. "Unsere Produkte findet man nicht im Supermarkt", sagt Babilas und greift nach einem Kronkorken: "Wer genau hinschaut, sieht hier im Deckel eine Dichtung, damit nichts ausläuft und das Getränk frisch bleibt. Bei diesem Produkt sind wir zum Beispiel der führende Anbieter weltweit. Auch der Lack auf solchen Deckeln könnte von uns sein - da sind wir auch ein führender Anbieter."

Chemie erlebbar machen, das sei ganz wichtig. Er selbst hat daher vor dem Wechsel auf den Chefposten erstmal ein wenig Chemie-Nachhilfe bei einem langjährigen Mitarbeiter genommen: "Ich wollte unsere Produkte besser verstehen." Um junge Menschen für Chemie zu begeistern, kooperiert das Unternehmen eng mit Kindergärten, Schulen und Hochschulen.

"Wir brauchen die jungen Köpfe, um innovativ zu bleiben", sagt Babilas. In anderen Firmen verzichten die Chefs immer häufiger auf die Krawatte, um für junge Leute attraktiv zu wirken - etwa beim Reifenhersteller Continental. Dessen Chef sagte zuletzt: "Die Mitarbeiter müssen sich wohl fühlen, wenn sie zur Arbeit kommen, sonsten werden sie nicht die volle Leistung bringen." Das Weglassen der Krawatte sei daher ein Zeichen von Flexibilität.

Bei Babilas ist die Krawatte perfekt geknotet. Er lacht, wenn man ihn danach fragt. "Ich komme nicht jeden Tag mit Krawatte ins Büro", sagt er. Ganz darauf verzichten, will er aber nicht: "Wir sind eine konservative Industrie, die Kunden erwarten Sicherheit von unseren Produkten - da ist es wichtig, Seriosität auszustrahlen." Junge Leute könne man auch gewinnen, wenn man hin und wieder Krawatte trage, findet Babilas: "Wichtiger sind doch familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und eine Firmenkultur, in der sich jeder wertgeschätzt fühlt. Sie ist langfristig unser größter Wettbewerbsvorteil."

Quelle: RP
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