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Wesel
Wesel und das Geld

Wesel: Wesel und das Geld
Kupferstecher Frans Hogenberg kam als Glaubensflüchtling aus den Niederlanden nach Wesel. Von ihm stammt unter anderem diese feine Stadtansicht von 1572. FOTO: Malz Ekkehart
Wesel. In einer Hansestadt wie Wesel hat das Thema Finanzwirtschaft eine besondere Bedeutung. Die Stadt ist von jeher Umschlagplatz für Waren gewesen. In Wesel war Geld unterwegs. Wie mehrt man heute sein Geld als ganz normaler Bürger? In einer siebenteiligen Serie wollen wir uns dieser Frage widmen, auf lokale Besonderheiten der Geldanlage eingehen und eingangs von der Geschichte lernen. Von Sebastian Peters

Man muss diese Stadtgeschichte von Anfang an erzählen, um den Wert von Geldanlage für Wesel zu bemessen. Das Wachstum der Stadt Wesel - es ist immer auch eine Geschichte der Transaktion. Am 1. Mai 1065 taucht der Name Wesel erstmals urkundlich auf. In diesem Schriftstück bestätigt König Heinrich IV die Rückgabe der Kirche und des Besitzes der Villa Wisele an das Kloster Echternach. Dasselbe Kloster besitzt ein Urkundenbuch, in dem in Verbindung mit einer Schenkung im 8. Jahrhundert der Name Wesele erstmals genannt wird. Spuren früherer Besiedlung im Raum von Wesel lassen sich nur rudimentär finden: Das erste Dokument, das die Existenz eines Wesel bestätigt, ist somit eine Schenkungsurkunde. Und schon im 12. Jahrhundert fällt Wesel als eine Art Mitgift an die Grafen von Kleve. Wesel ist damals ein Standort von Wert. Kaufleute erkennen: An der Mündung der Lippe in den Rhein lässt sich Geld verdienen. Wesel wird Umschlagplatz für Waren. Die Händler investieren in den Standort, sie legen Geld an, erst recht, als Wesel vom Reeser Zoll befreit wird.

Es hilft, sich die historische Entwicklung Wesels vor Augen zu führen, weil sich die Stadt aktuell wieder in eine positive Richtung entwickeln kann. Neue Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigen, dass das verfügbare Haushaltseinkommen in Wesel zuletzt deutlich gestiegen ist: von unter 20.000 Euro 2011 hin zu 20.855 Euro bei der letzten Erhebung 2014. Korrespondierend damit wird Wesel als Wohnort interessanter. Laut Statischem Landesamt sind nach aktueller Rechnung in den Jahren 2011 bis 2015 226 Menschen mehr nach Wesel gezogen als fortgezogen. Im Jahr 2015 zogen mit 212 die meisten Menschen von Hamminkeln nach Wesel, es folgen Voerde (206) und Duisburg (140). Aus Wesel zogen die meisten Menschen 2015 nach Voerde (55), dahinter folgen Schöppingen (51) und Rees (28). 448 Personen meldeten ein Gewerbe an, 396 meldeten ein Gewerbe ab. Das zeigt: In Wesel ist wieder Geld unterwegs, und überproportional entwickelt sich in Wesel und dem Kreis die Finanzbranche mit Banken, Versicherern, Grundstücks- und Wohnungswesen.

Zurück zur Geschichte: 1241 erhält Wesel die Stadtrechte durch den clevischen Grafen Dietrich. Die Weseler Bürgerschaft genießt nunmehr Privilegien: Unter anderem muss sie keinen Zoll mehr zahlen. 1277 folgen weitere Rechte: Wesel darf fortan Wochenmärkte organisieren und Bier brauen, Zölle erheben und Steuern auf Grundnahrungsmittel verlangen. Diese finanzpolitischen Maßnahmen und der parallel wachsende militärische Rang Wesels als Festung sind der eigentliche Grund für den Aufschwung, auch der Grund dafür, dass sich Wesel weiter mit einigem Stolz Hansestadt nennt.

Noch im 13. Jahrhundert werden in Wesel vorrangig Salz, Heringe, Eisen, Bauholz, Pelze und Wein verkauft. Ein Jahrhundert später haben sich die Weseler Kaufleute schon darauf spezialisiert, Rohstoffe zu verarbeiten. Wesel wird eine Stadt der florierenden Tuchherstellung. Man kann sagen: Die Kaufleute haben die Zeichen der Zeit erkannt, sie haben zur rechten Zeit in die richtigen Branchen investiert.

Heute ist Wesel Standort des ehemaligen Dax-Unternehmens Altana, große Banken haben hier ihren Sitz, die Häfen befinden sich im Aufschwung, der agrarische Sektor ist weiterhin stark, die Energiewirtschaft für Wesel ein wichtiges Unternehmensfeld. Den Grundstein für diese Entwicklung Wesels zu einer Stadt der Kaufleute wurde wohl im 15. Jahrhundert gelegt. Im Jahr 1407 trat Wesel der Hanse bei und wurde Metropole des Niederrheins. Die Idee der Hanse: In den niederdeutschen Städten schlossen sich kaufmännische Genossenschaften zusammen und gewährten sich gegenseitig Privilegien beim Zoll. Alle Waren, die nunmehr von den Niederlanden und Westfalen in Richtung Köln verschifft werden sollten, wurden in Wesel umgeschlagen.

Mit steigendem Wohlstand wuchs auch die Freude am Bauen: Zwei monumentale Rathausbauten leistete sich Wesel, den ersten 1390, den zweiten in den Jahren 1456 bis 1457. Der Willibrordi-Dom wurde im 16. Jahrhundert ausgebaut. Mit dem Reichtum wurde Wesel also auch eine Stadt der künstlerischen Betätigung. Wer ein Zeugnis der frühen Kunst sucht, der muss in das Weseler Centrum gehen. In der Schatzkammer der Stadt wird bei sensibler Rücksichtnahme auf das Klima die "Eidesleistung" von Derik Baegert gezeigt, ein Meisterwerke der Spätgotik in Deutschland. Auch dieses Gemälde zeugt vom einstigen Reichtum der Stadt. Wesel erlebt bis ins späte 16. Jahrhundert seine finanzielle und kulturelle Blüte. Außerdem sorgten Wohlhabende und die Kirchen für Bedürftige, Waisen, Kranke und Alte. Dies geschieht auf der Grundlage dauerhafter Vermögenswerte bis auf den heutigen Tag. Noch immer werfen etliche jahrhundertealte Stiftungen Erträgnisse für karitative Zwecke ab. Schon 1291 gab Ratsherr Heinrich von Loenen mehrere Gebäude am Kornmarkt für das St.-Johannis-Hospital (später Komturei). Zu den bekanntesten Einrichtungen zählt die Offermann-Stiftung von 1443.

Merkantiles Geschick im Verein mit gottgefälligem Wirken hat viele Entwicklungen angestoßen. Dazu hat auch die Öffnung Wesels für reformatorische Gedanken beigetragen: Ostern 1540 wurde erstmals das Abendmahl "unter beider Gestalt", also mit Brot und Wein, an die Gläubigen ausgeteilt. Wesel nahm Religionsflüchtlinge aus Flandern und der Wallonie auf. Mit dem Beinamen "Vesalia hospitalis" für "gastfreundliches Wesel" schmückt die Stadt sich bis heute.

Dahinter stand nicht zuletzt auch das Hoffen darauf, dass sich eine Öffnung der Stadt, nicht auf Protektionismus und Abschottung, sondern auf Öffnung zu setzen, bezahlt macht. Ambivalent ist vor diesem Hintergrund die Entwicklung bis in die Neuzeit hin zu bewerten. Die Prosperität der Stadt sorgte für kriegerische Auseinandersetzungen. Zuerst besetzten die Spanier Wesel, darauf folgten die Niederländer und die Franzosen. Kurfürst Friedrich Wilhelm baute Wesels als Festung aus. 300 Jahre währte diese Phase: Wesel blieb in seiner Entwicklung eingeschränkt auf diesen Festungsring, Gräben und Bastionen. Nur noch vier statt 13 Toren, die es während der Hanse gab - 1805 fiel die Festung Wesel für ein Jahrzehnt an Napoleon, bis die Preußen sie wieder zurücknahmen. Diese wechselvolle Geschichte hat die Entfaltung der Stadt gebremst. Erst in den 1890er Jahren wurden Schritte unternommen, Wesel den Festungscharakter wieder zu nehmen, die Ringstraßen um die Altstadt wurden angelegt. Der Zweite Weltkrieg hat Wesel seine Geschichte geraubt: 97 Prozent der Innenstadt wurden durch die Fliegerangriffe zerstört. Jahre des Aufbaus begannen, noch in den 90ern wurde Wesel vielerorts als grau und wenig schmuck wahrgenommen.

Dieses Bild wandelt sich wieder. Die Innenstadt erlebt eine neue Blüte, der Große Markt und die Fußgängerzone werden attraktiv. Auch die Backstein-Architektur des Wiederaufbaus wird positiver bewertet. Wesel wird seiner Rolle als Einkaufsstadt am unteren Niederrhein wieder gerecht. Man kann sagen: Geld spielt in Wesel wieder eine Rolle, es wird wieder investiert. Wesel wird als Wohnstadt wieder attraktiver.

Quelle: RP
 
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