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Wesel
Wie groß Himmelfahrt hätte werden sollen

Wesel: Wie groß Himmelfahrt hätte werden sollen
Himmelfahrt heute mit längs angeordneten Rundbögen FOTO: Jana Bauch
Wesel. Die Pläne für die Sanierung der katholischen Innenstadtkirche wecken Erinnerungen an ein aufgegebenes Wettrüsten mit Willibrord. Von Fritz Schubert

Zu den Weihnachtstagen waren die Kirchen voll. Jedenfalls so voll, wie man es in der Jetztzeit erwarten kann. Jeder Gläubige dürfte einen Sitzplatz gefunden haben. Das war in früheren Zeiten nicht immer so. Auch waren die Ziele der Verantwortlichen hoch gesteckt. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bombardierungen hatten deutschlandweit viele Gotteshäuser dem Erdboden gleichgemacht. Auch in den Köpfen hatten zwölf Jahre Nazi-Diktatur vieles verschüttet. So nimmt es kein Wunder, dass der Wiederaufbau bei den Kirchenoberen die Hoffnung keimen ließ, mit einem Angebot verlorenen Boden wiedergutzumachen. Es galt, die Gebäude neu zu errichten und damit auch die Herde der Schäfchen wieder zu vermehren.

In Wesel kam es nach 1945 zu einem regelrechten Wettrüsten. Und das nicht nur zwischen katholischen und evangelischen Christen. Auch innerkonfessionell gab es ein Rennen um die Gunst der Kirchenbesucher. Daran können sich heute, fast 73 Jahre nach Kriegsende, nur noch wenige erinnern. Neu auf die Spur kommt man den Geschehnissen durch ein Projekt, das erst vor wenigen Wochen für die Öffentlichkeit Gestalt annahm: die Umgestaltung von St. Mariä Himmelfahrt in der Innenstadt, die bis 2020 umgesetzt werden soll. Denn diese Kirche sollte viel größer wieder aufgebaut werden, als sie es am Ende wurde.

Der Vorschlag von Franz-Jörg Feja mit Glas-Saal ist erste Wahl. FOTO: Klaus Nikolei

Eine große blaue Einkaufstasche einer schwedischen Möbelhaus-Kette dient als Archiv für die Pläne, die nie umgesetzt wurden. Stefan Sühling, Leitender Pfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus und selbst ein gelernter Bauzeichner, holt sie im Pfarrheim an der Martinikirche hervor und zeigt, was Rudolf Schwarz (1897-1961) zu Papier gebracht hatte. Mit mehreren Varianten für Himmelfahrt war der Kölner Architekt 1950 angetreten. Ausgangspunkt war es, in Phase eins neben dem damaligen Turmrest der neugotischen Kirche (erbaut 1904 bis 1908), jenes Schiff zu setzen, das heute noch steht. Es sollte vor allem auch schnell die in der Tiefe erhaltene und als Notkirche dienende gotische Krypta sichern. Zu den Varianten gehörten auch solche für eine spätere Erweiterung.

Was heute steht, war als Seitenschiff gedacht. Ein Haupt- und ein weiteres Seitenschiff sollten sich nach links (vom Portal aus gesehen) anschließen. Eine heute düster wirkende Zeichnung gibt Aufschluss, wie das Ganze räumlich hätte wirken können. Schwarz hat auch einen Startplan mit seitlichen Pfeilerkonstruktionen entwickelt, die dem Hauptschiff statisch den Halt hätten geben können. Umgesetzt wurde eine Lösung mit längs angeordneten großen Rundbögen, die ausgefacht wurden. Man hätte sie jederzeit zum geplanten Hauptschiff hin öffnen können. Bestandteil der ursprünglichen Planung war auch der Erhalt des Turmrestes. Er wurde 1961 wegen akuter Baufälligkeit abgerissen und durch den schlichten neuen Turm im Stil eines freistehenden Campanile ersetzt. Diesen an der Stelle des alten zu errichten, war nicht möglich. Denn das hätte zunächst die Entfernung des mächtigen, aber beschädigten Turmfundaments bedeutet. Mit schrittweisen Sprengungen samt jeweils weiträumigen Absperrungen überdies enorme Kosten.

So zeugt allein das Portal heute noch von dem neugotischen Bau, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die Stelle des 1291 hier begonnen Dominikanerklosters und dessen barocken Kirchennachfolgers getreten war. In der Krypta ruhen übrigens Herzog Adolf von Kleve und seine Frau Maria von Burgund. Sie hatten das Kartäuserkloster auf der Grav-Insel als letzte Ruhestätte bestimmt. Als dies im Achtzigjährigen Krieg (1568-1648) zerstört wurde, flüchteten die Mönche samt Herrschergebeinen zu den Dominikanern.

Eine Himmelfahrt-Startvariante von 1950 mit mächtigen Pfeilern für einen späteren Ausbau FOTO: Fritz Schubert

Zurück zur jüngeren Historie: 400 bis 500 Menschen finden heute in Himmelfahrt Platz. So viele wie im Vorkriegsgebäude. 800 bis 1000 Plätze hätten es nach den Vorstellungen von 1950 mit der Erweiterung einmal werden sollen. Warum es nicht dazu kam, ist mit einem Satz nicht zu erklären. Pfarrer Stefan Sühling glaubt, "dass sich die Leute zum einen einfach verschätzt haben". Auch wenn der Bedarf nach den Jahren der Infiltration durch das NS-Regime und die Kriegserfahrungen dagewesen sein mag und auch immer mehr Vertriebene die Bevölkerungszahlen in Wesel in die Höhe schellen ließen, hatten viele wohl andere Sorgen. Nahrung, Kleidung, Arbeit, ein festes Dach über dem Kopf: Das waren die fundamentalen Wünsche in einer Stadt, die im Februar 1945 nahezu komplett ausgelöscht worden war. Außerdem waren die Himmelfahrt-Protagonisten auch im eigenen Lager im Hintertreffen. Josef Janssen konnte in der Innenstadt nicht so schnell etwas hinzaubern wie sein Kollege Heinrich van der Giet mit der nahen Martinikirche. Zwei Giebelwände und ein Dach reichten dort, um mit den Resten der Reithalle der 43er-Feldartillerie-Kaserne ein Gotteshaus zu ergeben. Im November 1949 war das. Im Juni 1952 konnte der Himmelfahrt-Rohbau geweiht werden, der Ausbau zog sich bis in die Mitte der 60er Jahre.

Dass sich die Verantwortlichen nach dem Krieg mehr für Himmelfahrt ausgerechnet hatten, hat auch mit der Lage zu tun. Die Kirche ist zwar nicht unmittelbar am Großen Markt beheimatet. Der wird seit der Reformation vom evangelischen Willibrordi-Dom beherrscht. Das katholische Haus ist sehr nah dran, aber etwas versteckt. Deshalb wurde alles daran gesetzt, zumindest mit dem Turm sichtbar zu werden. Der ist so hoch, wie die Spitze des Reitertürmchens auf dem Domdach vor dem Krieg. Das war zunächst nicht wieder aufgesetzt worden, kam erst 1994 fürs Glockenspiel. Auch hatte lange ein flaches Dach den großen Domturm gekrönt. Erst 1978 erlebten 10.000 Zuschauer mit, wie ein 120-Meter-Autokran den spitzen Helm aufsetzte.

"Der Dom ist die schönere Kirche", sagt Stefan Sühling neidlos. Dennoch kann sich der Pfarrer für die Idee begeistern, mit der Sanierung Himmelfahrts und der Neugestaltung des Umfelds auch vom Markt aus neue Blicke auf Himmelfahrt lenken zu können. Dass dies nicht reicht, um die Zahl der Kirchgänger zu steigern, das weiß er auch. Besucherzahlen hängen heute oft von dem ab, was wann wo geboten wird. Welches Programm gibt es? Welche Musik? Wird gesungen? Wer predigt da heute?

Neben den zu beseitigenden baulichen Schäden wird auch deshalb Himmelfahrt fit gemacht. Wie unlängst vorgestellt, soll die Kirche künftig multifunktional genutzt werden können. Als Treffpunkt, als Konzert- und Kulturraum. Es soll Nebenräume für Gruppentreffen geben. Barrierefrei soll sie werden. Das Pfarrheim soll weichen und anderen Bauten Platz machen, der Turm freigestellt und die Sicht aufs Portal verbessert werden. Herzstück im Kirchenraum wird ein großer Saal mit verglaster Front- und Rückseite sein.

So wird Himmelfahrt nicht größer, aber sicher interessanter für neue Besucher, die noch nichts von ihrer spannenden Geschichte wissen. Zum Vorhaben gehört auch die Verlagerung der Fraterherren-Bibliothek von Martini hierher. "Wichtig ist, dass sie präsent und zugänglich ist", sagt Stefan Sühling.

Quelle: RP
 
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