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Hinter Den Kulissen
Wo Fehler Leben kosten können

Hinter Den Kulissen: Wo Fehler Leben kosten können
Feuerwehrmann Marco Sauerland an einer der Arbeitsstationen in der Leitstelle. Das Programm "Kobra" hilft ihm bei der Bearbeitung der Anfragen. FOTO: RP-Fotos (2) mb
Wesel. Die Feuerwehrleute in der Kreisleitstelle Wesel haben einen der verantwortungsvollsten Jobs überhaupt. Mehr als 65.000 Einsätze werden im Jahr aus dem Raum an der Kurfürstenstraße koordiniert. Von Tim Harpers

Stille. Man erwartet viel, wenn man diesen Raum betritt, aber Ruhe gehört sicherlich nicht dazu. Es gibt keine wild durcheinander klingelnden Telefone, keine aufgeregten Unterhaltungen und keine Hektik. Nur fünf Disponenten, die in völliger Ruhe und mit bewundernswerter Sachlichkeit ihrer schwierigen Aufgabe nachgehen. Dabei haben die fünf Feuerwehrleute, die an diesem Nachmittag die Leitstelle des Kreises besetzen, jeden Tag mit den schlimmsten Dingen zu tun, die man sich vorstellen kann: Brände, schwere Verletzungen, Vergiftungen, Sturmschäden und Überflutungen sind für sie Alltag.

"Dass wir Ruhe bewahren, ist entscheidend für unsere Arbeit", sagt Uwe Theißen, Dienstgruppenleiter in der Leitestelle. "Nur so können wir gewährleisten, dass die Leute, die sich in Ausnahmesituationen an uns wenden, auch so schnell wie möglich Hilfe bekommen."

Die Leitstelle in der Feuerwache am Kurfürstenring ist 24 Stunden am Tag besetzt. Drei Dienstgruppen kümmern sich in Zwölf-Stunden-Schichten darum, dass die Bewohner des Kreises Wesel ständig jemanden erreichen, wenn sie über die Nummer 112 um Hilfe rufen. "Die Arbeitsbelastung ist mit der von Fluglotsen vergleichbar", erläutert Theißen. "Wenn wir nur einen Straßennamen falsch verstehen, kann das Menschenleben kosten." Aus diesem Grund sitzen seine Mitarbeiter auch nie länger als vier Stunden am Platz. "Nach dieser Zeit gehen die Kollegen für die folgenden vier Stunden in Bereitschaft, um sich vor der nächsten Einsatzrunde zu erholen."

Ludger Janßen im Einsatzleitwagen. Das Sonderfahrzeug rückt immer dann aus, wenn es Großlagen gibt, die eine Koordinationsstelle vor Ort erfordern. FOTO: Büttner Martin

Feuerwehrmann Marco Sauerland sitzt an einem der fünf Arbeitsplätze im Kontrollraum. Fünf Bildschirme ragen vor ihm auf. Darüber bedient er das Einsatzleitprogramm "Kobra". Neben seinem Tisch signalisiert eine Ampel den Status der Arbeitsstation. Grün heißt frei, gelb bedeutet im Gespräch und rot zeigt die Ampel an, wenn der Mitarbeiter nicht verfügbar ist. Im Moment steht sie auf gelb. Sauerland wickelt einen Notruf ab. Eine Frau ist am Telefon, deren Mann über Atemschwierigkeiten klagt, sie klingt leicht panisch. Der Feuerwehrmann fragt betont ruhig nach dem dem Aufenthaltsort des Paares. Er stuft den Anruf als Notfall ein und gibt Anweisung an ein naheliegendes Krankenhaus, einen Rettungswagen auszusenden.

Nicht aus jedem Anruf werde auch ein Einsatz, erläutert Theißen. Die Mitarbeiter der Leitstelle haben oft nur Sekunden Zeit, um zu entscheiden, ob tatsächlich ein akuter Notfall vorliegt. Im Jahr wickelt die Kreisleitstelle etwa 145.000 sogenannte Einsatzeröffnungen ab. Im gleichen Zeitraum rücken die Rettungskräfte tatsächlich aber nur 65.000 Mal aus. Bei besonderen Großlagen kann die Leitstelle zusätzlich auf einen Einsatzleitwagen zurückgreifen - ein mobiles Kommunikationszentrum, das die Organisation vor Ort erleichtern soll. Oft sei den Betroffenen aber schon am Telefon zu helfen. "Oder wir stellen fest, dass es sich nicht um Probleme handelt, die eine unmittelbare Reaktion erfordern." Natürlich helfe man den Anrufern in diesen Fällen auch weiter, aber so lasse sich die Differenz erklären.

Die Leitung an diesem Nachmittag hat Dienstführer Ludger Janßen. "In unserem Zuständigkeitsbereich liegen die Städte des Kreises Wesel und Rheurdt", sagt er. Das entspreche rund 500.000 Bürgern und einem Einsatzgebiet von 1043 Quadratkilometern. "Um in einem derart großen Gebiet die Anforderungen des Brandschutzbedarfsplanes erfüllen zu können, braucht es eine gute Organisation." Acht bis zwölf Minuten darf es im Kreis Wesel dauern, bis Hilfe vor Ort ist. In Peripheriegebieten auch 15 Minuten. "Wir erfüllen diese Quote mittlerweile zu 90 Prozent und die Fälle in denen es länger gedauert hat, werden genau analysiert." Vom Klingeln bis zur Einsatzanweisung vergehen in Wesel im Schnitt 40 Sekunden. Das sei sehr schnell. "Gefordert ist eine Reaktionszeit von 90 Sekunden."

Der Job ist eine große Belastung für die Mitarbeiter. "Vor allem psychisch", sagt Theißen. "Man entwickelt über die Jahre aber Strategien, um damit zurecht zu kommen." Eine besondere psychologische Zusatzausbildung gebe es nicht. "Das nötige Rüstzeug geben wir unseren Leuten bei der internen Ausbildung mit." Die Ruhe in der Einsatzzentrale spielt dabei eine wesentliche Rolle. "Die Atmosphäre hier muss so sein", sagt Theißen. "Wenn wir selbst hektisch werden, passieren Fehler. Und die können wir uns in unserem Job nicht leisten."

Quelle: RP
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