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Wie Geht's, Wesel?
Zeit für Wesel

Wesel. Eine große Wochenzeitung widmet sich der Entwicklung der Stadt Wesel. Es ist ein ehrlicher Text geworden, der nachhallt. Den allerbesten Satz dieses Textes hat der Chef des Weseler Stadtmarketings selbst gesagt: "Niemand muss in einer Großstadt wohnen." Thomas Brocker sollte sich diesen Satz patentieren lassen.

Wenn Autoren von großen Wochenzeitungen über die Provinz schreiben, dann neigen sie für gewöhnlich zur Übertreibung: Entweder glorifizieren sie dann das idyllische Landleben, wie nur der Großstädter romantisierend auf die Prärie blicken kann. Oder sie verdammen den Ort, weil er angeblich so abgrundtief hässlich und langweilig ist. Die Wochenzeitung Die Zeit hat der Stadt Wesel jetzt einen großen Text gewidmet, der in der Online-Ausgabe erschienen ist. Für Wesel ist das eine kleine Sensation, denn wann widmet sich eine Hamburger Wochenzeitung mit der Zielgruppe Professoren und Professorentöchter schon mal der tiefsten Niederrheinprovinz? Im Falle dieses Textes darf man mit dem Abstand einiger Tage bilanzieren: Es ist ein ehrliches Porträt geworden. Ebenso darf man feststellen: Das Weseler Stadtmarketing, das mit seinen Aktionen erst für den Text gesorgt hat, leistet derzeit gute Arbeit, hat das, was man im Sport einen Lauf nennt.

Der Ansatz ist tollkühn, und es gab Zeiten, da wäre man in Wesel wegen dieser Aktion für vollkommen verrückt erklärt worden. Das Stadtmarketing lässt nämlich seit einigen Wochen in NRW-Universitätsstädten Plakate kleben, die für Wesel als Wohnstadt werben - Studenten aus Bonn, Köln, Aachen und Düsseldorf sollen sich überlegen, ob sie nicht eigentlich viel lieber in Wesel wohnen würden. Das Unternehmen Altana steckt Geld in die Kampagne, um Top-Arbeitskräfte an den Niederrhein zu holen. Für Die Zeit jedenfalls war dies der Anlass, zu schauen, wer da mit einer Kampagne um die Gunst der Akademiker wirbt.

Natürlich wird im Text eingangs die Bürgermeister-Wesel-Echo-Anekdote erzählt. Wie auch sonst soll man im Überregionalen einen Text über Wesel beginnen? Doch dann überrascht der Autor mit spannenden Einsichten.

Wesel sei "wahrlich keine Schönheit", schreibt der Autor im Zeit-Text, der sich der Stadt vom Bahnhof her nähert. Wer würde widersprechen? Doch dann erinnert man sich an seine Fahrten in andere Städte von NRW. Düsseldorf - hat ein wenig herausragendes Bahnhofsumfeld, Duisburgs Bahnhofsumfeld - wenig beneidenswert. Das Bahnhofsviertel von Krefeld - kein Glanzstück. Die Ausnahme ist vielleicht Köln. Diesen Vorwurf also lassen wir nicht gelten. Der Autor erwähnt dann Dolly Buster, die Aushängeschild von Wesel sei. Eine Ex-Pornoqueen als bekannteste Bewohnerin der Stadt? Will man auch nicht mehr so ganz gelten lassen. Die Fußgängerzone Wesels wird als eine Ansammlung von Discountbäckereien und Handyläden sowie eines Waffenladens beschrieben. Das ist nicht ganz fair, weil Wesel sich hier von anderen Großstädten kaum unterscheidet, aber neuerdings eine mit 4,4 Millionen Euro recht herausgeputzte Fußgängerzone vorweisen kann.

Die Politik von Bürgermeisterin Ulrike Westkamp (SPD) kommt im Text nicht schlecht weg. Man kann es sich natürlich einfach machen, und das Lob darauf schieben, dass Die Zeit eine SPD-nahe Zeitung ist. So fällt auf, dass selbst die Negativentwicklungen Wesels - dramatischer Einbruch der Gewerbesteuern vor Jahren, Arbeitslosenquote deutlich über dem Bundesschnitt - in diesem Artikel als Positiventwicklungen beschrieben werden. Mit einigem Starrsinn redet sich Wesel derzeit in einen Aufwärtstrend. Clever ist also, wie Bürgermeisterin und Stadtmarketing das Image Wesels mit dem Esel in Verbindung bringen. "Der Esel ist intelligent, störrisch und überlegt sich jeden Schritt ganz genau", wird Ulrike Westkamp im Text zitiert, und sie schiebt hinterher, dass der Esel damit im Kern wie die Weseler sei. Erhellend ist auch, was Lase-Chef Achim Klingberg im Text über die Stadt sagt: Es gebe eben viele "Lowlights" in Wesel - er setzt dies in Kontrast zu den Highlights von Großstädten. Als Lowlights sieht Klingberg die Natur und bezahlbare Immobilien. Da ist es wieder: das charmante Understatement. Die Weseler Scala-Chefin Karin Nienhaus, ehemals in München lebend, wird mit dem Satz zitiert, dass Wesel noch mehr Kultur brauche, aber schon jetzt im Aufbruch sei.

Etwas Wasser in den Wein gießt nur Martin Roelen, der Leiter des Stadtarchivs, der mit dem nüchternen Blick eines Historikers auf die Entwicklung von Wesel blickt. Aus seiner kritischen Warte ist die Stadt von seiner Glanzzeit weit entfernt. "Heute ist Wesel eine triste Stadt mit dem Charme der 1950er Jahre", sagt Roelen dem Zeit-Autor spöttisch. Er sagt einen Satz, den man sich merken wird, der aber als Werbeslogan kaum taugt: "Es war schon schrecklicher." Gut möglich, dass Roelen nach diesem Text bei manchem Stadtmarketingmenschen Wesels in Ungnade gefallen ist.

Die beste Botschaft hat aber eigentlich Stadtmarketing-Chef Thomas Brocker selbst formuliert und die Zeit hat diesen Satz zur Überschrift des Artikels gemacht: "Niemand muss in einer Großstadt wohnen." Brocker sollte sich den patentieren lassen. Der Satz ist so genial, dass er eigentlich das Motto der Werbekampagne sein sollte. Er blickt mit einer arroganten Geringschätzung vom Niederrhein auf die Großstädte, er beschreibt das Leben in einer Großstadt als lästige Pflicht, sogar als Strafe. Kurios: Brocker ist Krefelder, lebt also selbst in einer 222.000-Einwohner-Großstadt.

All diese Zitate zeigen: Über Wesel wird jetzt geschrieben, geredet, diskutiert. Unter Werbern gilt der Satz: Hauptsache, sie sprechen über dich. In diesem Sinne hat das Weseler Stadtmarketing einiges richtig gemacht.

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Quelle: RP
 
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