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Michael Blaess, Wesels Fahrradbeauftragter
"Ziel: Mehr Lebensqualität auf Straßen"

Wesel. Wenn in Wesel Straßen umgebaut werden, sollen sie vor allem auch für Radler und Fußgänger attraktiver gestaltet werden. Darauf legt der Fahrradbeauftragte Michael Blaess großen Wert. Vor allem junge Leute sollen so animiert werden, sich zu bewegen.

Wesel Wesel gehört als eine der wenigen Städte am Niederrhein zur Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen (AGFS). Maßgeblichen Anteil daran, dass die Kreisstadt einiges tut, um das Radfahren attraktiver zu machen, hat zweifelsohne der städtische Fahrradbeauftragte Michael Blaess. Ein Gespräch über fehlende Radständer in der Innenstadt, den anstehenden Umbau der Brandstraße und das Problem, dass Wesel eine Art Partnerstadt bräuchte, um den Traum vom Schnellradweg verwirklichen zu können.

Herr Blaess, hat man bei der Planung der neuen Fußgängerzone nicht genug an die Radfahrer gedacht? Oder warum finden sich zwischen Dom und Berliner Tor so wenige Fahrradständer?

Blaess Weil der Bedarf groß ist, sind nachträglich zusätzliche Fahrradständer installiert worden, so dass es aktuell rund 90 Stellplätze für Radfahrer gibt. Es können aber nicht überall Fahrradständer aufgebaut werden, weil Flächen des Aktionsbandes reserviert sind für Hütten und Stände bei Veranstaltungen wie beispielsweise dem Hansefest oder dem Weihnachtsmarkt.

Fehlende Ständer sorgen aber dafür, dass Räder kreuz und quer stehen und an Laternen festgekettet werden. Das sieht alles andere als gut aus.

Blaess Der Radfahrer ist wie der Fußgänger distanzempfindlich. In der Fußgängerzone befinden sich allerdings nicht an jeder Stelle vor jedem Geschäft ausreichend Fahrradabstellplätze. Der Bedarf an Fahrradabstellplätzen wechselt auch mit entsprechenden Ankerläden. Es ist allerdings schwierig stets Bügel zu demontieren und sie an anderen Stellen womöglich auch reversibel neu zu installieren. In der Fußgängerzone ist eine Grenze erreicht. Mehr Abstellplätze im Aktionsband sind zurzeit nicht geplant.

Im Stadtentwicklungsausschuss war kürzlich der Umbau der Brandstraße ein Thema. Die CDU wollte einige der geplanten Bäume nicht, um weitere Parkplätze schaffen zu können. Der Vorschlag fand keine Mehrheit. Eine Entscheidung ganz in Ihrem Sinne, oder?

Blaess Absolut. Es gibt nämlich noch etwas anderes als nur die autogerechte Stadt. Wir müssen dazu kommen, mehr Lebens- und Bewegungsraum in unseren Städten zu schaffen. Wir benötigen eine Stadt für Menschen, in der sich Menschen in ihrer Stadt gerne bewegen und leben möchten und vor allem eins haben: Spaß. Und dazu gehören natürlich auch mehr Grünflächen. Nachdem wir unsere Fußgängerzone durch den Umbau aufgeräumt haben, möchten wir jetzt in die angrenzenden Straßen mehr Lebens- und Bewegungsqualität bringen. Denn wir haben eine nachwachsende Generation, die sich stark mit Internet, Tablett und Smartphone beschäftigt. Es ist eine Generation, die sich viel zu wenig im Freien bewegt. Wer sich fünf Mal in der Woche 30 Minuten bewegt, der verlängert sein Leben deutlich. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, in einer Stadt Bereiche mit bewegungsaktivierenden Elementen zu schaffen. Das gibt es in vielen Ländern. Außerdem steht das Thema Gesundheit bei uns Deutschen im Werte-Ranking aktuell auf Platz zwei. Es ist also Zeit, diesen Punkt bei Planungen ausreichend zu berücksichtigen.

Was verstehen Sie unter bewegungsaktivierenden Elementen?

Blaess Beispielsweise sind das Elemente, die vor einigen Sitzbänken installiert sind und das Fahrradfahren wie zum Beispiel in der Fußgängerzone simulieren. Es gibt allerdings auch Geräte, die von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden können und die ebenfalls der Bewegung dienen. Und es freut mich sehr, wenn ich beispielsweise in die Fußgängerzone gehe und diese Geräte von den Menschen genutzt werden.

Wo sollen Ihrer Meinung nach ähnliche Elemente noch installiert werden?

Blaess Bei Straßenneuplanungen beziehungsweise Straßenumplanungen sollte an Stellen, an denen dies möglich ist, Wert darauf gelegt werden, dass diese Elemente im Straßenraum untergebracht werden. Auch sollte an das Verweilen gedacht werden sowie an ausreichende Fahrradabstellplätze.

Zu den vielen Radwegen rund um Wesel sollte sich im gerade abgelaufenen Jahr eigentlich noch ein neuer gesellen. Und zwar der im Lippemündungsraum. Wie ist da momentan der Stand der Dinge?

Blaess Die Kiesfirma Hülskens hat den Fuß- und auch den Radweg auf ihrem Areal fertiggestellt. Aber noch fehlt das Stück von der Emmelsumer Straße bis zum Radweg. Der Förderantrag beim Land ist gestellt. Wir hoffen also auf Geld aus Düsseldorf in diesem Jahr. Dann können wir das Projekt abschließen und erhalten eine einzigartige Qualität im Lippemündungsraum für Radfahrer und Fußgänger.

In Wesel wurde in der Politik mal der Bau eines Radschnellweges nach niederländischem Vorbild diskutiert. Sind die Pläne ad acta gelegt?

Blaess Es gibt aktuell nur regionale und keine kommunalen Radschnellwege, die gefördert werden. Wir hätten es gerne mit Bocholt zusammen gemacht. Aber die Bocholter hatten sich bereits mit Rhede zusammengeschlossen. Da ist auch eine Machbarkeitsstudie gelaufen.

Wie viele Radschnellwege gibt es denn in NRW?

Blaess Nach meinem Kenntnisstand aktuell zwei. Vom RS 1 zwischen Dortmund und Mülheim sind zehn Kilometer fertig. Und am Radschnellweg in Wuppertal - Nordbahntrasse - wird auch noch gebaut. Es gibt allerdings noch einige Radschnellwege, für die eine Machbarkeitsstudie gelaufen ist, die allerdings noch nicht gebaut werden. Radschnellwege werden allerdings ein Thema der Zukunft sein und auch uns weiterhin beschäftigen. Sie sind ein besonders hochwertiges Element in der Netz-Hierachie für Radfahrer und können der Autobahn für den motorisierten Verkehr gleichgesetzt werden.

Gibt es denn im Kreis keine Stadt, die mit Wesel gemeinsam einen Radschnellweg bauen möchte?

Blaess Das Problem ist, dass wir die einzige fahrradfreundliche Stadt im Kreis Wesel aktuell sind. Der Fokus liegt bei anderen Städten möglicherweise auf anderen Dingen, obwohl wir hier am Niederrhein topographisch hervorragend aufgestellt sind und das Radfahren etwas typisch Niederrheinisches ist. Bocholt und Rhede sowie Rees und Kleve sind auch fußgänger- und fahrradfreundliche Städte in NRW.

Wäre es nicht Aufgabe des Kreises, die Kommunen zu animieren, mehr in Richtung Fahrradnutzung zu tun?

Blaess Ich bin Fahrradbeauftragter der Stadt Wesel. In meiner Funktion als Pressesprecher der AGFS bin ich allerdings gerne bereit, den Kreis Wesel zu unterstützen, sollte er sich für eine Mitgliedschaft in der AGFS entscheiden wollen.

RP-REDAKTEUR KLAUS NIKOLEI FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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