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Himmel Und Erde
Zurück zu Coubertins Traum von Olympia

Himmel Und Erde: Zurück zu Coubertins Traum von Olympia
FOTO: Malz Ekkehart
Wesel. Heute Abend werden die XXXI. Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro eröffnet. Die Eröffnungsfeier findet im legendären Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro statt. Die Zahlen der Show sind schon mal beeindruckend: Fünf Jahre Vorbereitung, 400.000 Stunden Arbeit, 36 Kilometer Stoff für 12.000 Kostüme, 5000 Freiwillige, 300 an der Produktion beteiligte Personen und 3000 Kilo Feuerwerk. Zur Feier werden 45 Staats- und Regierungschefs erwartet, darunter Bundespräsident Joachim Gauck. Bis zum 21. August werden tausende Teilnehmende aus 206 Nationen in 43 verschiedenen Sportarten und 306 Wettbewerben um olympische Medaillen kämpfen - Rekord. Doch die gigantischen Zahlen sind nur die eine Seite der Medaille. Schon Monate vor der heutigen Eröffnungsfeier sind die Olympischen Spiele in Brasilien in die Kritik geraten. Korruption und jahrelange Misswirtschaft haben die olympischen Bauvorhaben in Rio de Janeiro fast zum Scheitern gebracht. Bei der Eröffnung des olympischen Dorfs am 24. Juli - gut zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Sommerspiele - haben viele Athleten und Delegationsmitglieder den Zustand des olympischen Dorfes als unsicher und unbewohnbar beschrieben. So wurden kurz nach der Eröffnung verstopfte Toiletten, undichte Rohre, freiliegende Kabel, dunkle Treppenaufgänge, Schimmelpilz, defekte Fahrstühle und schmutzige Böden bemängelt. Als bei einem Stresstest auf mehreren Etagen die Wasserhähne geöffnet und die Toilettenspülungen bedient wurden, sei Wasser die Wände heruntergelaufen, und von den Decken tropfte es. In einigen Unterkünften habe es erheblich nach Gas gerochen, zudem habe es einen Kurzschluss gegeben. Die australische Olympiamannschaft sowie viele brasilianische Athleten boykottieren seitdem den Einzug in das olympische Dorf, sie werden weiterhin in den umliegenden Hotels bleiben. Nach wie vor heftig umstritten ist die uneindeutige Haltung des IOC zu den Dopingvorwürfen gegen die russische Mannschaft. Die zweifelhafte Männerfreundschaft zwischen dem Präsidenten des IOC, Thomas Bach und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verhindert nach wie vor eine effiziente Aufklärung des russischen Staatsdopings und die nötigen Konsequenzen daraus. Hinterfragt werden muss auch die Nachhaltigkeit der beiden großen sportlichen Wanderzirkusse Fifa-Weltmeisterschaft und Olympische Spiele. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen immer deutlicher, dass die Vergabe dieser großen Sportevents in Entwicklungs- und Schwellenländer oder in Staaten mit einem hohen Defizit an demokratischen Strukturen an den Lebensverhältnissen der einfachen Menschen nichts ändert. Im Gegenteil. Die Einnahmen durch Werbung und Sponsoring bereichern stets nur die ohnehin schon elitären Oberschichten solcher Länder und die zutiefst mafiösen Funktionärscliquen von Fifa und IOC. Die immensen Ausgaben der Gastgeberstaaten für Infrastruktur und Sicherheit vernichten zudem notwendige Ressourcen, die eigentlich den benachteiligten Bevölkerungsschichten zugutekommen sollten. Die für viel Geld errichteten Fußballstadien in Südafrika anlässlich der Weltmeisterschaft 2010 sind bereits jetzt zum größten Teil verfallen, manche stehen aufgrund mangelnder Auslastung vor dem Abriss. Auch in Brasilien werden die Olympischen Spiele dieses Sommers nichts an den trostlosen Lebensumständen vieler Millionen Einheimischer ändern. Einige wenige Reiche werden sich in den kommenden zwei Wochen auf Empfängen im Glanz ausgesuchter Sportler und Funktionäre sonnen. Die breite Masse wird sich bis zum Ende der Olympischen Spiele dem süßen Gift aus Samba, Sonne und scheinbar unbeschwerten Wettkämpfen hingeben. Wenn der Rausch vorbei ist, wird das Erwachen umso härter sein. Die Kriminalitätsrate, die unkontrollierbare Drogenproblematik, die Kindersterblichkeit und die ungerechten Besitzverhältnisse in Brasilien werden sich nach Olympia nicht verändert haben. Dem Internationalen Olympischen Komitee und seinem selbstzufriedenen Präsidenten kann es egal sein. Sie werden, wie noch bei jeder Olympiade zuvor, auch diese Spiele zu den besten aller Zeiten erklären. Was es langfristig braucht, ist eine ethische Gegenbewegung aus Sportlern, Verbänden und Zuschauern. Korrupte, von Doping verseuchte Spiele auf Kosten der Armen in den Austragungsländern wollen wir nicht sehen. Stattdessen müsste es eine Rückbesinnung auf die Vision von Pierre de Coubertin, dem Gründer neuen Olympischen Spiele geben. Geprägt von den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollte Coubertin nationale Egoismen überwinden und zu Frieden und internationaler Verständigung beitragen. Die "Jugend der Welt" sollte sich bei sportlichen Wettkämpfen messen und sich nicht auf den Schlachtfeldern bekämpfen. Die Wiederbelebung der Olympischen Spiele schien in seinen Augen die beste Lösung zu sein, um diese Ziele zu erreichen. Eine Utopie? Vielleicht. Aber dieser Traum ist allemal besser als Olympische Spiele, bei denen die Gier nach Gold und Profit den Menschen als Sportler, Funktionär und Zuschauer zum Sklaven seiner niedrigsten Instinkte macht.

THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
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