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Klaus Bauer
Zwei Standorte gefährden Schul-Einheit

Klaus Bauer: Zwei Standorte gefährden Schul-Einheit
Schulsozialarbeiter Klaus Bauer (hier in der Weseler Realschule Mitte) FOTO: MAlz
Wesel. Schulsozialarbeiter Klaus Bauer äußert sich zur Standortfrage für die Gesamtschule Hamminkeln und zu den Themen, die er in der aktuellen Debatte vermisst.

Hamminkeln Klaus Bauer aus Wesel ist Schulsozialarbeiter an der Gesamtschule Hamminkeln. Er beobachtet die Debatte um die Standorte in Dingden und Hamminkeln aufmerksam. Im Schulausschuss hat er sich in der "Fragestunde für Einwohner" zu Wort gemeldet. Im RP-Interview spricht er als Insider, der Schulsysteme von innen gut kennt.

Doppelstandorte von Schulen sind nicht ungewöhnlich. Warum ist diese Debatte ein heißes Eisen für Sie?

Klaus Bauer Weil pädagogische Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt werden, obwohl sie für den Schulalltag und das Wohl der Kinder entscheidend sind. Ein Beispiel: Wir Erwachsenen wollen, dass die Schüler zu selbstständigen und eigenverantwortlich handelnden Menschen werden. Viele Schulen versuchen das unter anderem dadurch zu erreichen, dass sogenannte Buddy- oder Scout-Konzepte umgesetzt werden, das heißt, dass ältere Schüler Verantwortung für jüngere Schüler übernehmen - zum Beispiel bei der Medienerziehung als Medienscouts, in der Konfliktmediation als Streitschlichter oder bei der Pausengestaltung als Pausenscouts. Wie sollen solche wertvollen Konzepte oder auch jahrgangsübergreifende Projekte, etwa das Musikprofil, an einer Schule umgesetzt werden, in der ältere und jüngere Schüler voneinander getrennt werden?

Alles eine Frage Kommunikation, auch die der Lehrer.

Bauer Ob wir diese pädagogischen Projekte verwirklichen können, hängt auch von der Standortfrage ab. Kommunikation ist ein wesentlicher Faktor für die Bewältigung des Schulalltags mit allen seinen Problemen, und zwar die persönliche Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern, den Lehrern untereinander, mit den Schulsozialarbeitern und der Schulleitung. In einem Lehrerkollegium, das bei zwei Standorten sieben Kilometer getrennt ist und von dem einige Lehrer immer im Laufe der Unterrichtszeit im Auto oder am anderen Standort sitzen, ist eine unmittelbare Kommunikation häufig nicht möglich. Und das ist zum Nachteil der Schüler.

Die Befürworter des zentralen Standorts sprechen gerne von Einheitsgefühl und Identifikation.

Bauer Identifikation mit einer Schule gelingt, wenn Schüler sie auch als Einheit erleben - das geschieht durch den Kontakt zu Mitschülern, auch zu älteren Schülern, zu Lehrern und durch gute räumliche Bedingungen. Wie soll man sich die Identifikation mit ihrer Gesamtschule vorstellen, wenn sie nach zwei Jahren den Standort wechseln müssen und sich dadurch die Räumlichkeiten und Bedingungen komplett verändern? Das Gefühl, eine Schulgemeinde zu sein, entsteht so nicht.

Es gibt Stimmen, dass die Eltern bei einer Dependance-Lösung mit den Füßen gegen die Gesamtschule abstimmen. Fürchten Sie das auch?

Bauer Hamminkeln wollte mit der Entscheidung für die Gesamtschule, dass auch das Abitur gemacht werden kann. Die Eltern insbesondere von Kindern mit Realschul- und Gymnasialempfehlung schauen sich die Gesamtschule und die umliegenden Angebote an. Wie wirkt eine Schule mit zwei Standorten auf Eltern, die ihr Kind auch an einer Schule einer Nachbargemeinde anmelden könnten? Gleiches gilt für Neueinstellungen. Die Gesamtschule sucht gut ausgebildete und engagierte junge Lehrer. Eine Schule an einem Standort ist für sie attraktiver.

Aber der Schulausschuss hat entschieden. Reicht Ihnen die Tiefe der Diskussion?

Bauer Ich vermisse bei der gesamten Diskussion die Beantwortung dieser grundlegenden pädagogischen und kommunikativen Fragen. Ich stelle fest, dass die Außenwirkung dieser jungen und engagierten Schule zunehmend Schaden nimmt. Erstaunlich finde ich, dass demokratische Parteien keine Elternbefragung zulassen. Außerdem finde ich es traurig, dass maßgebliche Lokalpolitiker sich selber ein Denkverbot auferlegen, weil sie vor drei Jahren einmal anders entschieden haben, und wesentliche Veränderungen der Rahmenbedingungen für die Schule ignorieren. Das halte ich für fatal, denn die Frage des Schulstandorts auf Jahre hinaus ist zu wichtig. Eine Dependance-Lösung ist nur die zweitbeste Lösung!

THOMAS HESSE FÜHRTE DAS GESPRÄCH,

Quelle: RP
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