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Stadt Kempen
Als Kempen ein Zentrum der Wallfahrt war

Stadt Kempen: Als Kempen ein Zentrum der Wallfahrt war
Spätgotische Marienkette aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)
Stadt Kempen. Die neue Ausstellung "Das Haar der Maria" im Kramer-Museum bringt die mittelalterliche Marienwallfahrt in Kempen in Erinnerung. Von Heribert Brinkmann

Damals war Kempen eine Großstadt, genauso groß wie Amsterdam, im Vergleich dazu Krefeld ein Dorf. Damals war Kempen ein Pilgerzentrum am Niederrhein - bis es später von Kevelaer überstrahlt wurde. An dieses goldene Zeitalter von Kempen erinnert die neue Ausstellung "Das Haar der Maria", die morgen im städtischen Kramer-Museum eröffnet wird. Kempen ist also nicht nur die Thomasstadt, sondern ebenso bedeutend als Pilgerstadt.

Aber warum "Das Haar der Madonna"? Nach den historischen Quellen, denen Dr. Hans Kaiser aus Kempen intensiv nachgegangen ist, pilgerten die Menschen seit 1457 zum Gnadenbild der Madonna mit der Traube und baten um Heilung oder Vergebung der Sünden. 1473 wurde diese Skulptur mit einem Haar der Muttergottes versehen, wahrscheinlich wurde es in der Mantelschließe unter einem Bergkristall verborgen. Ein ebenfalls ausgestelltes Schreiben des Klosters Werden (bei Essen) bescheinigte damals die Echtheit.

Kulturamtsleiterin Dr. Elisabeth Friese inmitten von Reliquienbüsten: In der Hand hält sie einen Ablassbrief mit einer florentinischen Miniaturmalerei aus dem Jahr 1470, Faksimile des Originals im Propsteiarchiv Kempen. FOTO: WOLFGANG KAISER

Da in der Blütezeit der Reliquienverehrung Teile von Knochen der Heiligen oder dem Kreuze Jesu Christi bei den Menschen hochverehrt waren, galt ein Haar Mariens als besonders heilig - da die Muttergottes in den Himmel aufgefahren ist, kann es von ihr auf der Erde keine Knochen geben. Im frühen Mittelalter verstärkte sich die Marienfrömmigkeit. "In der Muttergottes fanden die einfachen Menschen ihre religiöse Idealgestalt. Sie näherten sich Christus nun durch die Vermittlung der Mutter, die niemanden abweist und deren Fürbitte sich ihr Sohn nicht entziehen kann", schreibt Hans Kaiser im lesenswerten und aufschlussreichen Begleitheft zur Ausstellung.

Der Rundgang durch die Ausstellungsräume im ersten Stock des Franziskanerklosters erschließt dem Besucher ein besonders interessantes und wichtiges Kapitel der Kempener Stadtgeschichte. Im Spätmittelalter war Kempen eine blühende Handels- und Handwerkerstadt. Der Reichtum der Zünfte spiegelt sich in zahlreichen Stiftungen und Ankäufen von Altären und sakralem Gerät für die neue Pfarrkirche St. Mariae Geburt wider.

Stadthistorisch wichtig ist aber der durch Waffen in der Ausstellung dokumentierte Beleg, dass diese wirtschaftliche Blüte und der Reichtum der Stadt auch in eine kriegerische Zeit fällt. 1445 bis 1477 wurde Kempen in die Kriege gegen den Herzog von Kleve und gegen die Stände des Kurfürstentums Köln gezogen. Truppen plünderten das Kempener Land, für die eigenen Truppen gab Kempen den Erzbischöfen gewaltige Kredite. Als der Burgunderherzog Karl der Kühne die Stadt Neuss belagerte, wurde Kempen Etappenstadt.

Die Ausstellung bleibt nicht beim Marienkult stehen, sondern zeigt auch auf, wie die Stadtgeschichte weitergegangen ist. Der Ablassglaube Tausender Pilger stieß immer mehr Gläubige ab. Die Thesen von Martin Luther, der sich im Jahre 1517 vehement gegen die Ablass-praxis der Kirche wandte, fanden in Kempen schnell Gehör. Um 1525, 17 Jahre früher als im benachbarten Krefeld, traten in Kempen die ersten Abweichler auf. 1542 setzte sich Erzbischof Hermann von Wied (Amtszeit 1515 bis 1546) an die Spitze der Reformationsbewegung in Kurköln. In der Folge wurde Kempen zu einem Zentrum der Reformation am Niederrhein. Ein evangelischer Abendmahlskelch, 1645 vom hessischen Kommandanten der Gemeinde gestiftet, besticht in seiner Schlicht- und Bescheidenheit. Die Gegenreformation begann mit den Franziskanern. Protestanten und Juden verließen die Stadt - die dann über lange Zeit im Stillstand verharrte.

Quelle: RP
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