| 00.00 Uhr

Stadt Willich
Anwohner wehren sich weiter

Stadt Willich: Anwohner wehren sich weiter
An der Moltkestraße in Willich wird derzeit eins von zwei Flüchtlingsdörfern gebaut. Ein anderes entsteht in Schiefbahn am Bolzplatzweg. Wenn beide fertig sind, soll die Niershalle in Neersen wieder für den Sport freigegeben werden. FOTO: Kaiser
Stadt Willich. Die IG Niersweg/Mutschenweg kritisiert Politik und Verwaltung für das Vorhaben, in einem Landschaftsschutzgebiet Häuser für Flüchtlinge zu bauen. Kämmerer Willy Kerbusch verteidigt und begründet die Entscheidungen der Stadt. Von Marc Schütz

Die Entscheidung im Rat ist längst gefallen, der Kreis Viersen hat sein Okay gegeben. Dennoch hat die Interessengemeinschaft (IG) Niersweg/Mutschenweg in Neersen mit einer Pressemitteilung ihrem Ärger darüber Luft gemacht, dass ausgerechnet in einem Landschaftsschutzgebiet vier zweieinhalbgeschossige Mehrfamilienhäuser für Flüchtlinge entstehen sollen. "In einer Zeit, die so schnelllebig ist und von vielen Menschen auch als stressig empfunden wird, sollten diese Landschaftsschutzgebiete unantastbar sein, denn wo sollen wir uns noch erholen?", fragt die IG aus dem recht ländlich gelegenen Neersen.

Für Willichs Kämmerer Willy Kerbusch sind diese und andere Vorwürfe, die der Politik und der Verwaltung in letzter Zeit vor allem in den sozialen Medien in nicht immer sachlicher Form gemacht werden, nichts Neues. "Mein Job ist nicht vergnügungssteuerpflichtig", sagt Kerbusch, dem man aber deutlich anmerkt, dass ihm das Thema "Flüchtlinge" eine Herzensangelegenheit ist. Und so seien die Pläne der Verwaltung, an jeweils zwei Standorten in Neersen (auch Am Bruch) und in Schiefbahn (Fontanestraße und Rubensweg) dauerhafte Gebäude für Flüchtlinge zu bauen, zunächst im Stadtrat und dann jeweils im Rahmen von Infoabenden den Bürgern ausführlich erläutert worden.

Auf Anfrage der RP erklärt Kerbusch noch mal, dass das für die Flüchtlingshäuser vorgesehene Grundstück an der Ecke Niersweg/Mutschenweg in einem Teil eines Landschaftsschutzgebietes liege, der derzeit für minderwertigen Ackerbau genutzt werde. Daher habe der Kreis Viersen auch ohne Zögern die Zustimmung erteilt, zumal anderswo Ausgleichsflächen geschaffen würden. Die IG fragt aber auch, wieso man nicht das Grundstück an der Ecke Am Römerfeld/Kirchhofstraße, auf dem die Vennedey-Villa steht, mit Häusern für Flüchtlinge bebauen kann. Kerbusch erläutert dazu, dass die alte Villa, sobald der bisherige Bewohner ausgezogen und das Haus entsprechend umgebaut ist, ab dem 1. August dieses Jahres für vier bis fünf Jahre als Kindertagesstätte genutzt werden soll. Denn dort sollen die Kinder hin, die derzeit im ehemaligen Pfarrzentrum "Die Brücke" untergebracht sind. Dort wiederum soll ein Seniorenheim entstehen. Der Rest des Vennedey-Grundstücks soll vermarktet werden, eigne sich aber größtenteils nur für freistehende Einfamilienhäuser und nicht für Flüchtlingshäuser oder sozialen Wohnungsbau, so Kerbusch weiter. Zudem sollen Seniorenwohnungen, möglicherweise öffentlich gefördert, entstehen.

"Warum wird der dem Landschaftsschutzgebiet gegenüberliegende Bauernhof nicht für die Flüchtlinge genutzt?", fragt die IG weiter. Auch dafür hat Kerbusch eine Erklärung: "Die Grundstücksgesellschaft möchte den Bauernhof zwar kaufen, aber die Verhandlungen sind noch nicht zu Ende, erst recht gibt es keinen Notartermin." Zudem würden dort entweder Ausgleichsflächen geschaffen, oder es sollen dort eventuell Sozialwohnungen entstehen. "Auf keinen Fall werden dort Asylbewerber untergebracht", sagt Kerbusch. Die IG befürchtet jedoch: "Ist das eine gute Mischung aus Flüchtlingen und Menschen aus sozialschwachen Verhältnissen? Wie wird das dahinterliegende Waldgebiet bald aussehen? Ist hier eine Ghettobildung nicht programmiert?"

Apropos sozialer Wohnungsbau: "Wir haben als einzige Stadt weit und breit ein Programm zur Ankurbelung des sozialen Wohnungsbaus aufgelegt", sagt Kerbusch. 100 neue Wohnungen sollen so entstehen. "Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, wir würden nichts für die Menschen tun, die bereits hier leben", so der Kämmerer. Zudem ließen sich die Häuser, in denen übrigens nur anerkannte Asylbewerber, die in Deutschland bleiben werden, später in "normale" Sozialwohnungen umwandeln. "Zudem handelt es sich um hochwertige Gebäude, die in ihrer Umgebung nicht auffallen werden", sagt Kerbusch. Von Wohnsilos kann also keine Rede sein.

Fest steht für den Kämmerer, dass man vor allem Flüchtlingsfamilien nicht dauerhaft in "Baracken oder Turnhallen" unterbringen kann. "Das könnte ich nicht verantworten." Er betont ohnehin, dass Sporthallen nur in Ausnahmefällen für die Unterbringung von Flüchtlingen dienen dürfen. Daher entstünden gerade auch zwei "Flüchtlingsdörfer" jeweils für etwa 280 Menschen, eins an der Moltkestraße in Willich, eins am Bolzplatzweg in Schiefbahn, um spätestens Mitte des Jahres die Niershalle für den Sport wieder freigeben zu können.

Bis Ende des Monats werden der Stadt Willich übrigens nur vereinzelt Flüchtlinge zugewiesen. Dies sei mit der Bezirksregierung so vereinbart. Man wolle warten, bis das Flüchtlingsdorf an der Moltkestraße fertig ist. Kerbusch geht davon aus, dass es Mitte Februar mit etwa 140 Menschen belegt sein wird. Derzeit liefen wegen des Regens die Bauarbeiten etwas schleppender als vorgesehen. Das Flüchtlingsdorf in Schiefbahn soll zum 30. Juni fertig sein.

Kerbusch erinnert daran, dass die Entscheidung für die Flüchtlingshäuser im Stadtrat mit großer Zustimmung aller vier Fraktionen gefallen ist. Insofern frage er sich, was Bürger damit meinen, wenn sie sagen, die Politik werde dafür die Quittung bekommen. "Wenn die Alternative die AfD ist, dann gnade uns Gott", sagt Kerbusch.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Stadt Willich: Anwohner wehren sich weiter


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.