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Serie Musik Und Wunder
"Das alte Jahr vergangen ist" - zwischen Rückblick und Ausblick

Willich. Marcell Feldberg, Schriftsteller und Kirchenmusiker in Schiefbahn, schließt seine Serie "Musik und Wunder" für die Rheinische Post heute mit einem Text zum Jahreswechsel ab.

Was für eine unerhört nachdenkliche Musik am Neujahrsmorgen: Das Choralvorspiel "Das alte Jahr vergangen ist" von Johann Sebastian Bach. Es ist kaum zu glauben: Diese Musik wurde tatsächlich für den Neujahrstag komponiert. Da ist nichts mehr zu hören von furioser Feuerwerksstimmung. Aber genauso wenig erinnert sie an ein spritziges Silvesterkonzert. Stattdessen greift hier die Schwermut einem ungeniert ins Gemüt, die den Zuhörer an einem solchen Tage doch eher verstört zurücklässt. In den Mittelstimmen streben schmerzvolle chromatische Linien auf- und abwärts, spannen ein Netz von dichten und dunklen Harmonien, die ein Lied auf die Vergänglichkeit allen irdischen Seins zu intonieren scheinen. Darüber schwebt eine reich kolorierte Sopranstimme, die noch am ehesten Gedanken an himmlische Erlösung hervorzurufen vermag. Eine Musik, die sich zwischen einkehrendem Rückblick und einem skeptischen Ausblick bewegt. Der russische Regisseur und Filmemacher Andreij Tarkowskij greift in seinem autobiografisch inspiriertem Film "Der Spiegel" auf dieses Orgelstück von Bach zurück. Die Musik gleitet vom Vorspann in die erste Szene, das erste Bild: Eine Landschaft: Eine junge Frau sitzt mit dem Rücken zum Zuschauer auf einem Zaun und blickt auf die Weite einer Gegend. Felder, Wiesen sind zu sehen, der Saum eines Waldes. Wie eine Frau "Schauinsland" hält sie Ausschau. Bachs Choralvorspiel wirft einen unabhängigen und ruhigen Blick auf die Szene, in der sich der Zuschauer wiederfinden kann. Das eindringliche Pfeifen einer Dampflok ist zu hören. Der Sommerwind streift rauschend über die Gräser. Die Musik blendet sich scheinbar in der Mitte langsam aus, verliert sich im Offenen. Tarkowskij erzählt in diesem Film von seinen Erinnerungen an die Kindheit, seine Familie, idyllische Zeiten, über die sich die Schatten des aufziehenden Zweiten Weltkriegs legen. Aber er berichtet nicht chronologisch von Ereignissen, sondern verspiegelt Bruchstücke, wachgerufene Träume zu einer psychologischen Belichtung. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich immer wieder aufs Neue in fokussierten Spiegelbildern. Tarkowskij erweckt so den Eindruck, er wolle die versiegelte Zeit festhalten, doch zugleich aufbrechen und offenhalten. Bachs Musik "Das alte Jahr vergangen ist" bleibt ebenfalls offen. Sie endet mit einem Halbschluss in Dur, der wie ein Fragezeichen im Raume steht. Tarkowskij wiederum beschließt seinen Film "Der Spiegel" mit einer weiteren Musik von Bach. Während ein junges Paar (vermutlich Tarkowskijs Eltern in jungen Jahren) gelöst im Gras des Sommers liegt, ertönt der Eingangschor zur "Johannespassion" von Bach, also der Anfang von einem Ende, das wiederum die Botschaft von etwas Neuem in sich trägt. Nun, das ist eine andere Geschichte, deren Konturen wohl aber im Spiegel des Choralvorspiels schon zu erkennen sind.

MARCELL FELDBERG

Quelle: RP
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