| 00.00 Uhr

Vor 70 Jahren Willich In Der Nachkriegszeit
Demokratie wagen!

Vor 70 Jahren Willich In Der Nachkriegszeit: Demokratie wagen!
Im Willicher Parkhaus, im August 1928 eingeweiht, wurde 1946 der CDU-Ortsverband gegründet. Hier ein Bild von 1931. FOTO: Kreisarchiv Viersen
Willich. Noch 1945 kommt es zur Wiederbelebung der alten, von den Nazis verbotenen Parteien und zur Gründung einer neuen Partei, die die beiden christlichen Konfessionen verbinden will: der CDP, bald darauf umbenannt in CDU. Von Hans Kaiser

Willich Als 1945 mit dem amerikanischen Einmarsch das "Dritte Reich" zu Ende geht, hinterlässt es ein politisches Vakuum. Die bürgerlichen Parteien waren seit 1933 verboten. Statt demokratischer Vertretung und Kontrolle hat zwölf Jahre lang die Befehlsgewalt des "Führerprinzips" geherrscht. Da muss sich in vielen Köpfen einiges ändern.

Zunächst aber gilt es, für öffentliche Sicherheit zu sorgen. Die Jugendlichen können im April 1945 noch nicht in ihre beschädigten Schulen gehen, also werden sie nützlich in der Landwirtschaft beschäftigt. Zehn Polizisten nehmen nun täglich zwölf Stunden lang einen Ordnungsdienst in Behelfsuniformen wahr. Ihr Wort gilt in der Bevölkerung, auch wenn sie nicht über Waffen verfügen. Sofort nach dem Einmarsch der Amerikaner sind ja alle Schießprügel abgeliefert worden, und Bürgermeister Karl Dammer meldet: "Die Polizei, die sich ganz aus erklärten Antifaschisten zusammensetzt, hat ein wachsames Auge auf nationalsozialistische Tendenzen."

Erster Gemeindedirektor: Heinrich Wegenaer FOTO: Stadtarchiv Willich

Die aber sind in Willich nicht zu beobachten. Im Mai säubert man die Lehrerbücherei der Volksschulen von nationalsozialistischem Schriftgut, stampft es ein. Sämtliche Parteidokumente, ob nun in privater oder öffentlicher Hand, werden vernichtet. In der Erziehungsanstalt Fichtenhain, vordem Ausbildungslager der SA-Standarte "Feldherrnhalle", befinden sich wieder 50 Fürsorgezöglinge.

So sind die ersten politischen Institutionen eher Wohlfahrtsausschüsse als demokratische Einrichtungen. Um der Wohnungs- und Brennstoffnot abzuhelfen, werden zunächst eine Wohnungs- und eine Wirtschaftskommission gebildet. Durch den Rückstrom der Evakuierten und den Zuzug von Flüchtlingen ist die Bevölkerung von 6300 im Mai 1945 auf 8133 im September gestiegen: 511 Einwohner werden durch Fürsorgemittel unterstützt. Der größte Teil ist vom schieren Überleben in Anspruch genommen, und an Politik verschwendet er kaum einen Gedanken.

Schließlich: Zur materiellen Not kommen weltanschaulicher Frust und Verwirrung. Opfersinn und Pflichterfüllung, Liebe zur Heimat, zum Vaterland - unter dem Nationalsozialismus sind diese Tugenden Falschmünzern in die Hände gefallen, die sie missbraucht haben zur Durchsetzung verbrecherischer Ziele. Die meisten Deutschen damals haben sich nicht als "befreit", sondern als "besiegt" empfunden; das ist mittlerweile nachgewiesen. Da ist ein Neubeginn schwierig. Und doch wird er gewagt.

Denn die Westalliierten planen, wie sie es nennen, eine "Umerziehung der Deutschen" in demokratischem Sinne. Entsprechend dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 wird die Neueinrichtung der kommunalen Selbstverwaltung als erste Etappe des Wiederaufbaus nach dem Krieg durchgeführt. Der Aufbau eines neuen politischen Lebens soll sich von unten herauf vollziehen; von der Ebene der Gemeinden bis hinauf zu den Ländern.

Am 18. Mai 1945 hat im Landkreis Kempen-Krefeld eine britische Militärregierung den amerikanischen Kommandanten abgelöst. Sie beginnt mit dem Aufbau einer parlamentarischen Struktur, knüpft an die Vorkriegsverhältnisse an. Bei den letzten freien Wahlen in 1933 hat das Zentrum, die Partei des politischen Katholizismus, noch die absolute Mehrheit bekommen. SPD und Wirtschaftspartei waren damals in Willich ohne Bedeutung, die KPD erhielt - vor allem aus der im Ort stark vertretenen Arbeiterschaft - knapp ein Drittel der Wählerstimmen.

Diese alten Parteien bilden sich neu. Dann aber wird eine ganz neue gegründet: die CDP, die Christlich-Demokratische Partei. Im Dezember 1945 ersetzt sie in ihrem Namen das Wort "Partei" durch "Union", Kennwort für eine Zusammenfassung evangelischer und katholischer Christen. Aus der CDP wird die CDU. Eine Weltanschauungspartei, die über den Gesellschaftsklassen steht. Die sich auf die göttliche Weltordnung beruft und auf die Verpflichtung des Menschen, Ebenbild Gottes, gegenüber seinem Mitmenschen.

Am Samstag, 1. Dezember 1945, wird in der Aula der Kempener Knabenvolksschule, die bis zum Kriegsende "Adolf-Hitler-Schule" hieß, der Kreisverband der CDU aufgestellt. Bis zum August 1946 entstehen nach und nach im ganzen Landkreis Kempen-Krefeld CDU-Ortsverbände: Am 17. März 1946 in Schiefbahn unter Jacob Meyer in der Turnhalle (der späteren Kulturhalle an der Schulstraße); am 5. Juni mit 50 Teilnehmern unter Franz Teschen im Saal des Willicher Parkhauses; am 18. Juni unter Peter Leven in Anrath.

Am 21. Dezember 1945 genehmigt die Militärregierung die Bildung einer "Gemeindevertretung for the Village of Willich". Am 2. Januar 1946 tritt erstmals ein von den Engländern ernannter Gemeinderat zusammen. Mit Bürgermeister Dammer gehören ihm 21 Mitglieder an, darunter drei Frauen: Anna Holzappel, Gertrud Nöthen, Johanna Langenfels. Nach englischem Vorbild wird nun eine gemeindliche Doppelspitze von politischer und administrativer Leitung gebildet. Sie besteht aus einem Bürgermeister (Repräsentant der Bürger, Vorsitzender des Gemeinderates) und einem Gemeindedirektor (Leiter der Verwaltung). Dieses Modell wird bis zu den Kommunalwahlen vom 12. September 1999 gelten, danach gibt es nur noch den Bürgermeister. Am 15. Februar 1946 wird für Willich Bürgermeister a. D. Heinrich Wegenaer zum Gemeindedirektor gewählt. Unter seiner Leitung vollzieht sich der politische wie wirtschaftliche Wiederaufbau. 1956 wird er von Albert Krewinkel (bis 1969) abgelöst.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Vor 70 Jahren Willich In Der Nachkriegszeit: Demokratie wagen!


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.