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Stadt Willich
Der Kanal, der nie so richtig einer war

Stadt Willich. Der Nordkanal ist nie vollendet worden, aber bis 1847 verkehrten Schiffe auf ihm. Eigentlich sollte er auf Veranlassung Napoleons eine Verbindung zwischen Antwerpen und dem Rheinland sein. Von Willi Schöfer

/ Neersen September 1847: Der Kapitän der "Eil-Yacht" hieß Roß und kam aus Neuss. Es war in Gedenken an den Heiligen Erzengel Michael der Michaelistag. Das Schiff hieß zwar "Eil-Yacht", wurde seinem Namen aber überhaupt nicht gerecht. Denn Pferde musste beidseitig an den Böschungsrändern das Schiff ziehen, das nach etwa zwei Stunden von Neuss kommend Schiefbahn erreichte.

Die Rede ist vom "Nordkanal", einer unvollendet gebliebenen Wasserverbindung zwischen Maas und Rhein. Und der Michaelistag des Jahres 1847 war der Tag, an dem offiziell die Schifffahrt eingestellt wurde. In der unmittelbaren Zeit davor verkehrte auf dem Schiefbahner Nordkanal an der alten B 7 zweimal täglich ein Personen- und je nach Bedarf ein Kohlenschiff.

Aufgrund von Erzählungen erinnerte sich nicht nur der Schiefbahner Heimatkundler Jakob Germes an den "Grand Canal Du Nord", der eigentlich eine Gesamtlänge von rund 200 Kilometern haben und zu einer Verbindung zwischen dem Hafen in Antwerpen und dem Rheinland werden sollte. Napoleon selbst hatte dies seinerzeit verfügt, wollte sich dadurch vom damals selbstständigen und aufmüpfigen Königreich Niederlande unabhängig machen und sich einen eigenen Weg vom französisch gewordenen Rheinland zur Nordsee schaffen.

Napoleon selbst hat die Kanaltrasse in Neuss und Schiefbahn 1804 besichtigt, kehrte auch kurze Zeit danach im "Schiefbahner Brauhaus" ein. Rudi Tillmanns (91), seine Vorfahren führten zu dieser Zeit die Gaststätte, schreibt seine Erinnerungen daran in seinem Buch "Mein Schiefbahn, was hast du alles erlebt" nieder. Darin heißt es unter anderem, dass der Kaiser damals das eigens gebraute Stammen-Alt in diesem früher beliebten Brauhaus sogar einem Rotwein vorgezogen habe.

Den Plan einer Wasserverbindung hatten schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Spanier; die Verwirklichung scheiterte am Geld. Den zweiten Versuch, einen Kanal von Venlo nach Xanten zu führen, unternahmen die Preußen, die dadurch den Niederrhein beleben wollten. Auch dies war offenbar überhaupt nicht rentabel; auch dieser Plan verschwand schnell wieder in der Schublade.

Napoleon und seine Leute entwickelten dann eigene Pläne, die sogar auf der gesamten Trasse neben zahlreichen Wärterhäuschen, Schleusen und Wehre berücksichtigt hatten. Im Frühjahr 1808 begann man damit, den Kanal auch in Schiefbahn "auszuwerfen". Groß wurde die erste Inbetriebnahme im Juli 1809 im Neusser Rathaus gefeiert. Die direkte Trasse sollte auf gut 53 Kilometern durch das Krur-, Niers- und Nettetal führen, die Wasserzufuhr von der Erft erfolgen.

Es gab sogar geregelte Überläufe, die gerade auf Neusser Gebiet in Teilbereichen wieder hergestellt werden. Zur entscheidenden Wendung des aufwendigen Kanalbaus kam es dann im Juli 1810, als der Kanal weitestgehend fertiggestellt war: Der holländische König Louis Bonaparte (einer der Brüder von Napoleon I.) dankte ab, schnell heimste sich das französische Kaiserreich auch dieses Land ein. Somit war der Zweck des Kanals weggefallen. Kai Bichel recherchierte damals: "Am 22. Dezember 1810 verfügte Napoleon, er hatte sich gerade den Vatikanstaat, Oldenburg, Ostfriesland sowie die Hansestädte einverleibt und die Tochter des österreichischen Kaisers geheiratet, die Einstellung des Kanalbaus ..."

In den darauffolgenden Jahren kam es zu einigen kriegerischen Auseinandersetzungen und Neuaufteilungen der Länder. Ab 1815 wurde das Gebiet mit der 48 Kilometer langen Kanaltrasse und mit dem Schiefbahner Nordkanal Preußen zugeschlagen. Und es wurden weiter zur Versorgung des Hinterlandes mit Kohl oder Baumaterialien Ideen entwickelt. Zunächst wollte ein Düsseldorfer Unternehmer, Johann Wilhelm Thomas, den unfertigen Nordkanal weiter ausbauen. Auf der Suche nach Finanziers erhielt er von den Gebrüdern Blank einen Kredit von 15.000 Reichstalern. Der Plan von Thomas: die Kanalstrecke von der Zolltorbrücke in Neuss über Schiefbahn bis vor Mönchengladbach auf einer Länge von etwa 16 Kilometern zu nutzen. Mit einer wesentlich geringeren Kanaltiefe (94 Zentimeter) als ursprünglich geplant (260), ohne Schleusen, vorne und hinten nur von Dämmen abgeriegelt.

Von 1822 bis 1840 wurde der Kanal, wenn auch beschränkt, wieder in Betrieb genommen. Pferde wurden auf den sogenannten "Treidelpfaden" vor die Kähne gespannt. Aber auch den damaligen Betreibern und Investoren ging schnell das Geld aus. Anfangs waren es vor allem Kohle und Baustoffe, die verfrachtet wurden. Zeitweise gab es zur Personenbeförderung die bereits erwähnten "Eil-Yachten".

Partner der Gebrüder Blank wurde der Kohlenhändler Georg Stinnes, der zuletzt für jährlich 800 Taler die Erlaubnis bekam, auf dem Kanal Kohle zu transportieren. Die Blank-Brüder gingen Pleite; im Dezember 1839 mussten sie ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Nachkommen schlugen die Erbschaft aus. Das Areal verkümmerte immer mehr.

Diese Wasserverbindung wurde im Laufe der Zeit durch Eisen- und Straßenbahnen ersetzt. Es gibt noch einige Straßennamen, die an den Kanal erinnern, so im früheren Niersbroich "Am Nordkanal" (Schiefbahn) oder "Am Kanalhaus" (Mönchengladbach). 1979 wurde als eines der letzten Wahrzeichen das "Kanalhüske" zwischen Neersen und Niersbroich abgerissen.

Dennoch ist der Nordkanal an der B 7 immer noch vielen älteren Menschen in Erinnerung geblieben. Darauf wurden auch noch viele Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende Kahnfahrten unternommen. Das dazu benötigte Wasser unter dem Kiel ist schon lange nicht mehr im ausreichenden Maße vorhanden.

Quelle: RP
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