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Heimat erleben
Der liebevolle Blick auf den Niederrheiner

Heimat erleben: Der liebevolle Blick auf den Niederrheiner
Der Zeichner Jürgen Pankarz und der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch aus Moers haben über viele Jahre eng zusammengearbeitet. FOTO: WOLFGANG KAISER
  • Der Männeken-Maler
  • Jürgen Pankarz wurde 1943 in der Nähe von Posen geboren. Er wuchs auf in Schweden, Lübeck und Duisburg. Nach einer Ausbildung als Trickfilmzeichner arbeitete er sieben Jahre in der Essener Werbeagentur Die Werbe. 1966 mietete er die Wackertapp-Mühle in Kempen-St. Hubert und baute sie aus. 1994 zog er um in den nahe gelegenen Bliexhof. Seit 1969 ist er freiberuflicher Grafiker und Illustrator. 1989 gründete er den Verlag "Edition moses" - heute "Moses-Verlag" in Kempen.
  • Moses nennen ihn seine Freunde seit seiner frühen Jugend. 2001 löste er sich vom Verlag und kehrte zurück zu seinen Wurzeln.
  • "Männekes malen" nennt er seine Tätigkeit. Seine unverwechselbaren Gestalten finden sich auf zahlreichen Platten- und CD-Covern, Plakaten, Kinderspielen, Puzzles und natürlich in Büchern für Kinder und Erwachsene.
  • Hanns Dieter Hüsch (1925-2005), mit dem Pankarz eng befreundet war, widmete ihm das Gedicht "Moses in der Mühle". Das Hüsch-Porträtfoto zu dessen vorletztem Buch "Auf der Suche nach dem Gemüt" (2002) entstand vor dem Bliexhof in St. Hubert.

Von Heribert Brinkmann

Wen wundert's. Jürgen Moses Pankarz hält es beim Blick auf die Menschen des Niederrheins mit Hanns Dieter Hüsch: "Er weiß nix, kann aber alles erklären." Hüsch und Pankarz haben über Jahre zusammen gearbeitet, auch zusammen gefeiert. Pankarz hat Plakate und Plattencover für Hüsch gestaltet, hat den Figuren aus dessen Programmen eine Gestalt gegeben.

Und er weiß auch, dass der Niederrheiner Hüsch, ein gebürtiger Moerser, gar nicht so liebevoll über den Menschen am Niederrhein gesprochen hat. Denn das vielzitierte Wort vom die Welt erklärenden Niederrheiner ist im Kontext nicht mehr nur liebevoll: "Der Niederrheiner ist überhaupt zu allem unfähig. Er weiß nix, kann aber alles erklären. Umgekehrt: Wenn man ihm etwas erklärt, versteht er nichts, sagt aber dauernd: Is doch logisch. Und wenn er keinen Ausweg mehr weiß, steigert er sich in eine ungeheure Assoziationskette hinein. Er kann zum Beispiel in wenigen Sätzen von Stefan Askenase, dem berüchtigten Chopinspieler, auf die Narkoseschwester Gertrud kommen."

Jürgen "Moses" Pankarz an seinem Arbeitsplatz im Bliexhof in St. Hubert. "Männeken malen" nennt der Zeichner seine Arbeit. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)

Und seine eigenen Erfahrungen mit dem Niederrheiner? Jürgen Pankarz fühlt sich am Niederrhein sehr wohl. Er kommt mit den Nachbarn und dem Menschenschlag im Allgemeinen gut klar. Mit einem Lächeln erzählt er von einem Bauern, den er im Wald getroffen habe. Man kam ins Gespräch. Der Bauer gab sich weitgereist, immerhin kenne er Köln und Kleve. Aber Pankarz hat auch eine starke Affinität zum Ruhrgebiet, wo er lange gelebt und gearbeitet hat. Es sei ein Phänomen, dass man in eine andere Welt gelange, wenn man über den Rhein westwärts fahre. Er liebt die flache Landschaft, die er gern mit dem Fahrrad erkundet. Genauso wie Hüsch. Der schätzte ebenfalls das Flachland, weil man immer sehen könne, wer in drei Tagen zum Kaffee kommt.

Pankarz, 1943 in der Nähe von Posen geboren und über die Stationen Schweden, Lübeck und Duisburg ins Linksrheinische gezogen, ist längst am Niederrhein heimisch geworden. Sein sanfter Humor und spitzer Zeichenstift haben den Menschen am Niederrhein ein liebesvolles Aussehen beschert. Ob beim Poster "Hereinspaziert" des Kreises Viersen, beim Plakat für das Stadtjubiläum von Kempen 1994 oder der Giebelwand in St. Hubert ("Hier lebe ich gern"), stets sind die Menschen in ihrer Vielfältigkeit, auch skurrilen Seiten und menschlichen Schwächen mit dem barmherzigen Blick gezeichnet. Pankarz ist ein Moses, der an Stelle eines Stockes den Zeichenstift schwingt, und an Stelle von Wasser aus dem Felsen in der Wüste sprudeln lustige Einfälle auf das weiße, leere Zeichenpapier. Moses ist Pankarz' Spitzname seit der Jugendzeit bei den Wandervögeln. Der Grund liegt in seiner Begeisterung für Charles Heston als Moses im Kinofilm "Die zehn Gebote" (1956).

"Hier lebe ich gern": Pankarz' Figurenwelt ziert auch eine Giebelwand an der Hauptstraße in St. Hubert, ein Ort, der anscheinend rote Bäckchen macht. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)

Pankarz' Mutter war Schwedin, und nach der Flucht aus Posen lebte er bis 1948 in Schweden. Das Kriegskind erlebte dort Frieden in einem unzerstörten Land - etwas, was ihn für sein Leben prägte. Friedensbewegt waren auch die Zeiten der 68er. 1966 mietete er die Wackertapp-Mühle in St. Hubert. Der Großvater seiner heutigen Frau Ulla berichtete sofort, er habe dort so einen langhaarigen "bekloppten" Künstler getroffen. Als er den Künstler näher kennenlernte, wurde das "bekloppt" in ein "ganz nett" abgemildert. Die Mühle war ein Treffpunkt vieler Troubadours: Schobert und Black waren ebenso da wie Ulrich Roski und Hannes Wander. Hanns Dieter Hüsch, den Pankarz 1968 kennengelernt hatte, feierte in der Mühle 1975 seinen 50. Geburtstag, damals noch Overstolz-Kettenraucher. Hüsch und Pankarz wurden eng befreundet. Für Wendelin Haverkamp, Hüsch und Helmut F. Albrecht ("Allo Chefe, alles paletti!"), damals noch Werbetexter bei Team Düsseldorf ("Der weiße Riese"), war es jahrelange Tradition, sich am Pfingstmontag im Hause Pankarz zum Spargelessen zu treffen. Als Pankarz 1989 für Ikea ein Kinderkochbuch - das Kochen ist neben dem Zeichnen eine große Leidenschaft von Jürgen Pankarz - machte, wollte das Möbelhaus einen Verlag. Also gründete Pankarz flugs seine eigene edition moses. Den Verlag Moses gibt es heute noch in Kempen - seit zehn Jahren von Pankarz losgelöst. Ikea verkaufte 50.000 Exemplare des Kinderkochbuches.

Seine Frau Ulla ist in St, Hubert aufgewachsen. Sie kann sich erinnern, wie man "früher" abends die Stühle vor die Tür stellte und man miteinander sprach. Auch die Kneipen waren voll. Am Stammtisch saßen die Honorationen, und man hatte seine Rituale. Alle wussten, wer die letzte Ölung erhalten hatte, die Nachbarn wachten zu Hause am aufgebahrten offenen Sarg und passten auf die Kerzen auf. Vorherige Streitigkeiten wurden dabei zum Schnee von gestern. Dieses Leben auf dem Dorf - und da ist der Niederrhein überall - ist größtenteils vorbei.

Ulla und Jürgen Pankarz leben im Hier und Heute. Auch in seiner Zeichenwelt beschwört Jürgen Pankarz keine Bullerbü-Welt von gestern. Beim Stadtfest-Plakat in Kempen gibt es eine Figur mit Punkfrisur. Und auch beim Plakat für den Kreis Viersen gibt es bei aller wichtigen Historie auch moderne Zitate wie Nordic Walking und Rollerblades. Hüsch hätte dazu gesagt: "Wenn wir schon nicht die Wahrheit herausbringen, dann wenigstens die Wirklichkeit."

Quelle: RP
 
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