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Zu Gast beim Apfelblütenlauf
Der Weg ist das Ziel

Zu Gast beim Apfelblütenlauf: Der Weg ist das Ziel
RP-Mitarbeiterin Stephanie Wickerath mit Startnummer 556 (Mitte) vor dem Start zum Zehn-Kilometer-Lauf. FOTO: Hüskes
Willich. Eine RP-Serie entführt an ungewöhnliche Orte und stellt verschiedene sportliche Aktivitäten vor. Diesmal geht es um den Apfelblütenlauf in Vorst und um die Feststellung, dass zehn Kilometer sehr lang sein können. Von Stephanie Wickerath

Stimmt, ich hatte es vergessen. So sieht es aus, wenn meine Hände die kleinen Sicherheitsnadeln mit der Startnummer am Trikot befestigen. Und die Aufregung, die dazu gehört und wegen der die Hände etwas zittrig sind, die hatte ich auch vergessen. Fast 25 Jahre ist es her, dass ich an einem Wettkampf teilgenommen habe. Damals standen noch Menschen mit Stoppuhren am Wegrand. Heute habe ich einen Chip am Schnürsenkel, der meine Zeit misst.

Manches bleibt, wie die Sache mit den Nadeln und der Nummer, manches ändert sich. Was auch geblieben ist, ist das Gemeinschaftsgefühl. Eigentlich ist das paradox, man kämpft ja auch ein bisschen gegeneinander, aber trotzdem schafft man auch etwas zusammen, in diesem Fall zehn Kilometer durch die Vorster Huverheide zu laufen. Wie lang zehn Kilometer sein können, wenn die Sonne brennt und die Luft trocken ist, wenn der Asphalt unter den Füßen immer gleich aussieht und etliche Läufer an mir vorbeiziehen, das hatte ich auch vergessen.

Als ich acht Jahre alt war, bin ich in den Leichtathletikverein gegangen. Langlauf war nie mein Ding. Ich war klein und schnell und deshalb ganz gut in den Disziplinen Sprint und Sprung. Zehn Jahre lang gehörten Wettkämpfe in der Saison von April bis Oktober fest zu meiner Wochenendplanung. Ich mochte das. Mit der Zeit kannte ich die Konkurrentinnen meiner Altersklasse. Wir wuchsen sozusagen zusammen auf und wurden, bei allem Ehrgeiz besser zu sein als die andere, doch so etwas wie Freundinnen. Wer sagt, Leichtathletik sei ein Sport für Einzelkämpfer, der liegt nicht ganz richtig.

Als ich dann nach Köln ging, um dort zu studieren, rückte der Sport in den Hintergrund. Eine paar Jahre lang erlag ich den Verlockungen der Großstadt und alles, was während meiner aktiven Zeit als Leichtathletin wichtig war, also viel Schlaf und wenig Alkohol, gesundes Essen und keine Zigaretten, rückte in den Hintergrund. Ich kann nicht sagen, dass das meine besten Jahre waren. Während der zweijährigen Ausbildung zur Zeitungsredakteurin nach dem Studium saß ich unheimlich viel rum: bei Pressekonferenzen, bei Interview-Terminen, in der Redaktion, im Auto. Und plötzlich merkte ich, dass mir etwas fehlte. Also fing ich wieder an mit dem Laufen - und war geschockt, dass mir nach fünf Minuten die Luft ausging. Aber nach und nach baute sich die Kondition wieder auf und das Laufen fühlte sich wieder so gut an wie früher. Ich habe mich manchmal gefragt, woran ich eigentlich denke, wenn ich meine Runden im Wald drehe. Die Antwort ist einfach: an nichts. Und genau das ist der Grund, weshalb ich seit nunmehr 15 Jahren wieder zwei-, und wenn es meine anderen "Hobbys" wie die Zeitungsarbeit und das Familienmanagement zulassen, auch dreimal in der Woche laufe. Es ist so wunderbar, mal eine Stunde lang an nichts zu denken. Manchmal renne ich los wie eine Wahnsinnige, weil ich unter Stress stehe und mich erstmal abreagieren muss. Manchmal trödele ich rum und merke erst nach einer Weile, dass ich noch über etwas nachdenken musste. Aber immer schaffen die gleichbleibenden Bewegungen es, dass ich meinen Rhythmus finde und alles abstreifen kann, was mich noch auf dem Weg in den Wald begleitet hat.

Beim Apfelblütenlauf durch die Huverheide hat das allerdings nicht so gut geklappt. Zu viele Leute um mich rum, eine unbekannte Strecke, der Wettkampfgedanke. Es war interessant, so etwas nochmal mitgemacht zu haben, die Aufregung zu spüren, sich mit anderen zu messen, aber jedes Wochenende muss ich das nicht haben. Ich drehe lieber weiter meine kleine, bescheidene Runde für mich alleine, ohne Nummer auf der Brust und ohne Chip am Fuß.

Quelle: RP
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