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Stadt Willich
Diamant kitzelt Töne aus der Scheibe

Stadt Willich: Diamant kitzelt Töne aus der Scheibe
Friedel Plöger vor nur einigen seiner Schallplatten. Für ihn ist der Klang der Vinyl-Scheiben im Zusammenspiel mit "guter, ausgefeilter Technik" so herausragend, dass noch nicht einmal ein Livekonzert daran herankommt. FOTO: jobu
Stadt Willich. Friedel Plöger ist Vinyl-Fan: In seinem Zuhause in Willich hat er eine exquisite Schallplatten-Sammlung seltener Raritäten. Von Joachim Burghardt

Schwarze Scheiben, schöne Schätze: "Wenn die Schallplatte so glänzt, die Hülle grafisch originell gestaltet ist und dann auch noch der Sound stimmt, das geht einem schon das Herz auf", schwärmt Friedel Plöger. Solche Schätze hat er jede Menge - Hunderte, Tausende vielleicht. In Regalen und in großen Kästen. Gekauft und bestellt, gesammelt und gepflegt. Seit mehr als 40 Jahren. Weshalb er einen guten Ruf hat unter den Vinyl-Freaks hierzulande.

"Hier, das war meine erste Platte, damals war ich ungefähr 18", erinnert sich der 60-Jährige und zeigt stolz ein Cover, das wie neu wirkte, wäre es nicht so altmodisch mit blassen Farben gestaltet: "Schnuckenack Reinhardt, Musik deutscher Zigeuner, Vol. 4". Die Aufnahme vom November 1971 damals im Radio aufgeschnappt, im Musikhaus in Krefeld in der Kabine probegehört, beeindruckt, gekauft "für 20 Mark". Seitdem ein Faible für Swing und Jazz, aber auch Klassik und Blues - sofern auf Schallplatten gepresst. Der Grund: "So ein richtiger Hörgenuss, der stellt sich nur bei einer guten Schallplatten-Aufnahme ein." Nach Feierabend eintauchen in die Welt guter Musikaufnahmen, Stimmen, Instrumente heraushören, Klangnuancen wahrnehmen - das bedeutet für ihn "auch abschalten, sich neu sammeln können". Plöger arbeitet hauptberuflich als Streetworker in Nettetal, hat einen mitunter aufwühlenden Job: "Wenn zum Beispiel wie gestern eine Asylbewerber-Familie abgeschoben wird, das lässt einen nicht unberührt." Um dann "neu auftanken" zu können, braucht es allerdings, meint er, "schon ein gewisses Niveau bei Sound und Technik". Und genau da hat Plögers Hobby seinen Preis: "Schallplatten haben für mich nichts mit Nostalgie zu tun, es bringt überhaupt nichts, Platten mit einem alten Plattenspieler zu hören." Da müsse schon gute, ausgefeilte Technik her. So hat er in seinem Wohnraumstudio zu Hause in Willich als Abspielgerät "ein sagenhaftes Modell aus England und Lautsprecher mit allerfeinster Leistung". So was koste, je nach Anspruch, deutet er an, durchaus ein paar Tausend Euro.

Und wieder schwärmt Plöger, er lächelt, die Augen strahlen, obwohl er "eigentlich nicht so der sentimentale Typ" ist: Allein der Diamant im Abspielkopf des Plattenspielers "kitzelt aus einer Scheibe noch die allerleisten Töne", schaffe ein stereophones Raumvolumen, das "man bei einer CD-Aufnahme so kaum erleben" könne, ja nicht einmal live im Konzertsaal. Man spüre, dass man sich früher allergrößte Mühe bei den Aufnahmen gegeben habe, zwei Tage zum Beispiel im Konzertsaal tüftelte, wo welche Mikros zu stehen haben. Dann legt er Sinatra auf, setzt behutsam den Tonarm ab, schließt die Augen und genießt. Fürwahr, wunderbar, der Sound!

Dabei heißt es doch immer, in die Jahre gekommene Schallplatten knistern, knacken und kratzen: "Dagegen kann man was tun", erklärt Plöger. Eine "Schallplatten-Waschmaschine" etwa reinige mit Ultraschall, "schonend, aber gründlich". Wegen solches Zubehörs und natürlich wegen der Platten sowie um das Equipment zu bestaunen oder zu erstehen, kommen immer mehr Sammler und Freaks zu Plöger, darunter "überraschend viele junge Leute".

Denn sein kleines Studio mit dem Namen "Musikkammer" gehört zu den besten Adressen in der Szene der sogenannten Analog-Fans. Dort finden sich Raritäten, Jahrzehnte alte Originalaufnahmen von Frank Sinatra oder John Coltraine, aber auch uralte Einspielung verschiedener Sinfonien von Bruckner oder Dvorak. Dazu kommen regelmäßig Neupressungen, so gibt's zum "Black Friday" der Platten-Szene am 27. November besondere Editionen von Stars wie Elvis Presley oder Johnny Cash.

Dass die Gemeinde der Platten-Sammler ständig wächst, die Zahl der entsprechenden Foren im Internet zunimmt, wundert Plöger nicht: "Man muss nur mal konzentriert reinhören in eine gute Schallplatten-Aufnahme, dann ist die Faszination gleich da!" Dann nämlich werden sie zu schönen Schätzen, die schwarzen Scheiben.

Quelle: RP
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