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Stadt Willich
Die etwas andere Seite von Erich Kästner

Stadt Willich: Die etwas andere Seite von Erich Kästner
Der Berliner Schauspieler Hans-Jürgen Schatz kam zum ersten Mal zu den Schlossfestspielen Neersen. FOTO: Adrian Jankowski
Stadt Willich. Bei den Schlossfestspielen las Hans-Jürgen Schatz aus Erich Kästners Werk. Der Rezitator berührte und verführte mit einer wohldosierten Mischung aus Satire, Wehmut, Hintersinn und Witz. Von Angela Wilms-Adrians

Der Kinderbuchklassiker "Emil und die Detektive" begeisterte Generationen von jungen Leseratten. Er fehlte nicht, als Hans-Jürgen Schatz im Ratssaal einen Querschnitt durch Kästners "Gebrauchslyrik" für Erwachsene bot. Der Schauspieler, bekannt durch seine Rolle als Max Kühn in der Serie "Der Fahnder", liebt offensichtlich die vielfältigen Facetten aus Kästners Kunst mit ihren nachdenklichen bis lustigen Seiten. Das bewies die Intensität seines Vortrags mit großem Gespür für Zwischentöne und die reichhaltige Palette von satirischen, boshaften und witzigen Schattierungen. Schatz´ Begeisterung gilt also auch den pfiffigen Kinderbuch-Helden auf tollkühner Verbrecherjagd. Der Rezitator lieh diesen Akteuren charakteristische Stimmen und hatte sogar Fahrradklingel und Hupe mitgebracht, um die Geräuschkulisse zu unterstreichen.

Für den Auftakt des Abends aber wählte er eine eher unbekannte "Farbe" des Autors, den ernsten Ton. Der ist geprägt von Kästners Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, als Klassenkameraden an der Front fielen und der Schuldirektor jeden Sieg feierte. Ebenso kommentierte Kästner mit seiner Kunst kritisch die aufkommende Macht der Nationalsozialisten, die denn auch seine Bücher verbrannten.

"Wir erleben einen etwas anderen Kästner als den wir ihn sonst kennen", hatte Festspiel-Intendant Jan Bodinus in der Begrüßung zu Recht versprochen. Schatz verstand es, diese Seite in Kästners Schaffen mit berührender Ausdruckskraft zu gestalten. Er nahm die Besucher unmittelbar mit, als er gleich zu Beginn aus Kästners biographisch geprägten Gedicht frei rezitierte. Hier heißt es etwa: "Ich lebte weiter, fragen Sie nicht wie". Schatz berichtete von Kästners enger Beziehung zur Mutter und stellte drei Gedichte vor, die Mutter-Sohn-Beziehungen thematisieren. Ergreifend setzte er das Potenzial der Texte um, machte Zärtlichkeit, Traurigkeit und Liebe spürbar. Er entlockte seinen Zuhörern zuweilen ein Lächeln mit einer Spur von Wehmut. Für den abschließenden Teil wählte der Gast Gedichte über "schräge Typen". "Lokale jeder Art haben eine große Rolle in Kästners Leben gespielt. Da hat er genau beobachtet und ein besonderes Interesse am Personal gezeigt", erzählte er. Für diese Facette stand etwa "Das Gemurmel eines Kellners", der sich über die Gäste ärgert und boshaft deren Eigenarten kommentiert, aber perfekt die floskelhafte Begrüßung beherrscht. Treffend fasste Schatz boshafte Bonmots, beißende Satire und das Wortspiel mit Widersprüchen. Mit diabolischem Lächeln stellte er Kästners zeitlose Persiflage auf das Diktat der Mode vor. Für das Finale wählte Schatz das Gedicht um einen betrunkenen Schauspieler, der zwar das Stück vergeigt, aber donnernden Applaus erntet. Den anhaltenden Beifall für seinen gekonnten Auftritt dankte der Rezitator mit drei Textzugaben.

Quelle: RP
 
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