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Adventserie Musik Und Wunder
Die Frage nach dem Warum und die Ahnung von Aufhellung

Adventserie Musik Und Wunder: Die Frage nach dem Warum und die Ahnung von Aufhellung
Unser Autor Marcell Feldberg ist Kirchenmusiker an St. Hubertus und hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)
Willich. Marcell Feldberg, Schriftsteller und Kirchenmusiker in Schiefbahn, schreibt für die Rheinische Post zu jedem Adventswochenende eine Geschichte.

WARUM? - Warum hatte der Dirigent eines Kammerchores, bei dem ich vor Jahren als Bass-Sänger aushelfen sollte, diese Motette von Brahms auf ein Programm für ein Adventskonzert gesetzt? Diese Musik hat nichts mit dem Advent und schon gar nichts mit Weihnachten zu tun, eher mit den sogenannten "Letzten Dingen". Ein Klagelied wird hier angestimmt, das die Frage nach Gott stellt. Wo ist Gott angesichts von Leid und Tod? Viermal wuchtet sich dieses "WARUM?" in den Raum, jeweils mit einem Echo, das dieses Wort wie einen Stumpf in der Leere stehen lässt. Viermal senkt sich die Silbe, mit ihr die Stimmen im Akkord, als würde der Chor der Fragenden bei dieser Anrufung resigniert die Schultern fallen lassen. Auf die eindringliche Frage scheint auch Brahms zunächst keine Antwort zu finden, erst recht keine eindeutige. Vielmehr spinnt er die Frage weiter, vervollständigt sie: "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen?" Mühsam schraubt sich die Musik mit Dissonanzen und Seufzern aus der dunklen Stimmung himmelstrebend zum Licht empor. Ein stoffliches Licht, zum Greifen nahe, doch letztlich nur eine Chimäre, wieder schwindend. Und dann diese Pausen, ungeschriebene Geschichten von einer erschlagenden Stille. "WARUM?" - Warum Kummer und Leid? Warum Krieg und Terror? Warum diese Finsternis über der Stadt Paris, die sich selbst so gerne als "Stadt des Lichts" bezeichnet? Warum, der kleine tote Flüchtlingsjunge am Strand, den alle schon vergessen zu haben scheinen? Fragen wie Hiobsbotschaften. Aber als hätte Brahms geahnt, dass ein Mensch es nur schwer aushält, ständig mit einer offenen Frage zu leben, scheint sich die Spannung im Mittelteil musikalisch etwas zu lösen. Aber sie löst sich eben nicht auf und schon gar nicht in Wohlgefallen. "WARUM?" - Diese Frage stellt sich auch hinsichtlich des Schlusschorals. Am Ende dieser Musik erklingt im vierstimmigen Satz das Kirchenlied "Mit Fried und Freud fahr' ich dahin." - Alles andere als eines der so beliebten Adventslieder oder eine weihnachtliche Weise. Das Lied gibt den Lobgesang des alten und lebenssatten Simeon wieder, dem im Tempel das Jesuskind gezeigt wird. Nun hat er endlich den Erlöser zu Gesicht bekommen und kann in Frieden sterben. Diese Geschichte findet sich im Fest "Maria Lichtmess" wieder, mit dem früher der Weihnachtsfestkreis beschlossen wurde. Brahms beschließt seine Motette mit einem erlösenden C-Dur Akkord, der zwar nicht strahlt, aber eine Ahnung von Aufhellung, eine Ahnung von Anfang gibt. Warum diese Musik dann doch eine Musik zu dieser Zeit, zum Advent ist? Eben darum!

MARCELL FELDBERG

Quelle: RP
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