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Stadt Kempen
Die Ungewissheit hat endlich ein Ende

Stadt Kempen. 70 Jahre ist der Zweite Weltkrieg nun schon vorüber. Aber immer noch gibt es Schicksale aus dieser Zeit, die noch geklärt werden müssen, gibt es Menschen, die nach Verwandten suchen, die seit dieser Zeit vermisst sind. Von Silvia Ruf-Stanley

Jahrelang hat Antonie August ihre Cousinen und Cousins aus Tolkemit/Westpreußen und Umgebung gesucht. Ihre Cousinen waren wie sie selbst in den letzten Kriegsmonaten von russischen Soldaten verschleppt und interniert worden. Der Cousin Paul Hohmann und ein weiterer Cousin sind als Soldaten vermisst. Jahrelang bemühte sich die Familie ohne Erfolg, eine Spur der Vermissten zu finden. Man bemühte den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), fragte bei Treffen von Vertriebenen nach, ob jemand etwas wüsste.

Durch Zufall erfuhr Tochter Doris dann davon, dass der Suchdienst seit Anfang der 1990er-Jahre in ehemaligen sowjetischen Archiven recherchieren kann. Dazu wurden Dokumente aus verschiedenen russischen und ukrainischen Archiven erworben. Seit 2004 digitalisiert der Suchdienst zwei Millionen Gefangenenakten deutscher Kriegs- und Zivilverschollener. Dazu wurde eine umfangreiche Datenbank zum Abgleich der Daten erstellt.

Also stellte Doris August Anfang Oktober vergangenen Jahres einen neuen Suchantrag. Anlass war der bevorstehende 90. Geburtstag ihrer Mutter. Erstaunlich schnell, schon Anfang November, kam die erste Antwort. Es handelte sich hierbei um die Cousine Ursula. Sie war im Februar 1945 in Insterburg in sowjetische Gefangenschaft gekommen und ins Lager Zentralnaja Kalja gebracht worden. Dort starb sie im Mai des gleichen Jahres.

Die Auskunft zu den drei anderen Cousinen Agnes, Elisabeth und Gertrud kam dann im Januar dieses Jahres. Sie wurden in verschiedene Lager geschafft und starben auch dort innerhalb weniger Monate. In den Akten fanden sich sogar Totenscheine, nur bei Gertrud fußt die Auskunft des DRK auf der Aussage eines Heimkehrers. Über das Schicksal des vermissten Soldaten konnte das DRK allerdings keine Auskunft geben. Seit der ersten Suchanfrage der Familie 1969 steht er weiterhin auf der Verschollenenliste. Ebenfalls gab es nichts über den Verbleib einer Tante. Bei einem weiteren Cousin konnte der Todesfall bestätigt werden. Erstaunlich ist das umfangreiche Material, das der Suchdienst der Familie in Kopien zur Verfügung gestellt hat. Das sind Unterlagen aus dem Militärarchiv wie Registrierungslisten, Listen über die Orte aus denen Menschen verschleppt wurden bis hin zu Karten, die zeigen, wo sich die Lager befanden. Sogar eine Kopie des Suchplakates für den verschollenen Cousin ist beigelegt.

Ausgesprochen umfangreich dokumentieren die Sachbearbeiter ihre Recherchen. Und es befindet sich am Ende des Schreibens immer ein sehr persönlicher Satz des Bedauerns. Da heißt es dann zum Beispiel "Wir hoffen, dass wir Ihnen mit unserer Auskunft und den beigefügten Aufzeichnungen nunmehr Gewissheit zum Schicksal Ihrer Cousine (...) geben konnten, auch wenn vielleicht dadurch nochmals alte Wunden aufgerissen wurden." Hat es sicherlich, das ist der 90-jährigen Dame anzumerken. Und doch ist Antonie August froh über die Gewissheit, zumindest etwas über das Schicksal eines Teils ihrer Verwandtschaft erfahren zu haben. Dadurch beginnt sie auf einmal, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie war noch keine 20 Jahre alt, als sie und ihre Cousinen aus Tolkmit und Umgebung verschleppt wurden. Alle Mädchen und Frauen aus ihrem Dorf wurden mitgenommen, erinnert sie sich.

Die Großmutter gab ihr noch schnell einen Laib Brot mit, ansonsten hatte sie nur die Kleider, die sie trug. Sie mussten ins 30 Kilometer entfernte Insterburg marschieren, im Eiltempo. Da war der Laib Brot zu schwer, so dass sie in irgendwann weggeben musste. Die Zugfahrt zum Lager war eine Qual. Es gab morgens ein Stück Brot und eine Wanne voll Schnee, die aufgetaut allen zum Trinken diente. Morgens wurden die Toten aus dem Zug geholt und einfach neben die Gleise gelegt. Im Lager war es kaum besser. Durch Hunger und Krankheit starben viele.

Antonie August weiß selbst nicht, wie sie das alles überstehen konnte. Dabei war sie ein schmächtiges Mädchen. Sie habe nicht an eine Rückkehr geglaubt. Und doch wurde sie am 27. Juli 1945 aus dem Lager entlassen und nach Frankfurt an der Oder gebracht. Von dort schlug sie sich nach Berlin durch. Ein Onkel lebte dort, dessen Adresse hatte ihre Mutter sie auswendig lernen lassen. Antonie lebte damals immer in der Angst, dass sie keiner erwarten könnte. Außerdem hatte sie kaum etwas zu essen.

Da half nur Betteln. Geschlafen hat sie auf Bahnhöfen. Später ging es dann bei Nacht und Nebel über die Grenze in den Westen. Denn sie wollte keinesfalls in der sowjetischen Besatzungszone bleiben. Über das Flüchtlingsamt kam sie schließlich nach Kaldenkirchen, wo schon Verwandte waren. Überhaupt leben im Kreis Viersen viele aus Tolkmit Vertriebene, weiß Doris August, die sich nun intensiv mit der Familiengeschichte beschäftigt hat.

Noch etwas berührt die beiden Frauen. Denn Antonie August und eine ihrer Cousinen waren eigentlich im selben Lager, aber jeweils in einem anderen Teil. Sie waren kaum sieben Kilometer von einander entfernt. Das letzte Mal haben sich Frau August und ihre Cousine in Insterburg auf der Toilette gesehen und konnten kurz miteinander reden.

Dies sei eine Familiengeschichte, wie es sie häufig gibt, die aber erzählt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden müsse, meint Doris August. Sie wird auf jeden Fall die ungeklärten Fälle intensiv weiter verfolgen. Dies tut übrigens auch das Deutsche Rote Kreuz. Leichtfertig werden dort keine Akten geschlossen, so lange noch Hoffnung besteht, Hinweise zu finden. Auch wenn das Ergebnis traurig ist.

Quelle: RP
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