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Stadt Willich
Ein Leben für andere: Edeltraud Kaiser ist mit 95 Jahren gestorben

Stadt Willich. Im engsten Kreis ihrer Familie verstarb in Alt-Willich Edeltraud Kaiser, 95 Jahre alt. Im Ort hat sie sich durch ihren Jahrzehnte langen Einsatz für alte und hilfsbedürftige Menschen einen Namen gemacht.

Ihr Leben steht für viele Schicksale der Nachkriegszeit. 1922 in Wensken im Memelland geboren, wollte Edeltraud Kaiser eigentlich Lehrerin werden. Aber wer sollte den väterlichen Hof übernehmen, den die Familie seit mehr als 100 Jahren bewirtschaftete? So begnügte sie sich damit, in Hauswirtschafts-Kursen junge Bäuerinnen auf den Besuch der Landwirtschaftsschule vorzubereiten.

1944 heiratete sie Wilhelm Kaiser, einen Bauernsohn aus einem Nachbarort. Die Flucht vor der Roten Armee verschlug sie ein Jahr später mit den Eltern nach Schleswig-Holstein, wo ihr Mann, aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen, sie wiederfand. 1951 zog die Familie nach Willich. An der Martin-Rieffert-Straße erwarben die Eheleute ein Haus, das sie zur Nebenerwerbssiedlung ausbauten. Wie viele vertriebene Bauern hielten sie hier in der Tradition ihrer Vorfahren Schweine, Kaninchen, Enten und Hühner, bauten Kartoffeln und Gemüse an, zogen Erdbeeren und Obst.

Auch ihr Ehemann Wilhelm Kaiser hatte den väterlichen Hof verloren. Er arbeitete nun als Zimmermann, wirkte in der SPD-Fraktion des Willicher Gemeinderates, im Vorstand der Vertriebenen und leitete 1965 die Wiederbegründung der Arbeiterwohlfahrt ein. Hier engagierte sich seine Frau in vielfacher Weise, vermittelte unter anderem erholungsbedürftigen Mitgliedern Urlaube. Erst mit 82 zog sie sich nach 39-jähriger Arbeit aus dem Awo-Vorstand zurück. Bei den Vertriebenen kümmerte sie sich um Alte und Kranke; nach über 45-jähriger Mitgliedschaft wurde sie zum Ehrenmitglied des BdV-Kreisverbandes ernannt. In Alt-Willich führte sie lange Zeit die Kleiderkammer der evangelischen Kirchengemeinde; auch im Chor sang sie dort mit. Vor allem Aussiedlern aus dem Osten beschaffte sie Wohnungen und Arbeit.

Vielen Willichern ist Edeltraud Kaiser von ihrer Arbeit bei Schreibwaren Erren bekannt, wo sie die Kunden sorgfältig beriet und beim Aufbau des heutigen Geschäfts mitwirkte. Bis ins 90. Lebensjahr fuhr die rüstige Memelländerin noch gern mit dem Fahrrad. Bis kurz vor ihrem Tode las sie noch gerne und viel. Ihre drei Kinder Anne, Brigitte und Hans sind in sozialen und pädagogischen Berufen gelandet. "Auf der Flucht habe ich mir gesagt: Deine Kinder sollen lernen", hat Edeltraud Kaiser sich häufig erinnert. "Was man im Kopf hat, kann man nicht mehr verlieren."

Quelle: RP
 
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