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Stadt Kempen
Eine fortgesetzte Annäherung an das ideale Maß

Stadt Kempen. Ingrid Filipczyk eröffnet heute in der Produzentengalerie arte dos ihre Ausstellung "Faktor 10: Teilung im Quadrat".

Es sieht so einfach aus. Wer die Arbeiten von Ingrid Filipczyk im Ausstellungsraum von arte dos in der Moosgasse überschaut, glaubt vielleicht, mit einem Blick alles erfasst zu haben. Quadratische Bilder mit übereinander gelegten, ineinander verdrehten Rechtecken, akzentuiert in durchgehend drei Farben. Abstrakte Experimente, als Reihung mit verschiedenen farblichen Schwingungen akzentuiert?

Bevor die Schublade auf und zugeht, lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu vergleichen, oder aber noch besser, mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen. Denn auch die Künstlerin ist alles andere als eindimensional. Schon in ihrer eigenen Schulzeit zeigte sie mit ihren Leistungskursen Mathematik und Kunst ihre beiden Begabungen. Von der Mutter gedrängt, wählte sie den Brotberuf und wurde Grundschullehrerin - heute arbeitet sie in Grefrath. Sie bildete sich in Musikpädagogik weiter und lernte, Saxofon zu spielen. Heute ist sie Mitglied der Kempen Big Band. Von 2003 bis 2007 studierte sie dann noch Kunst und Fotografie an der Freien Akademie der Bildenden Kunst in Essen. Außerdem besuchte sie Seminare zu Synästhesie in Musik und Malerei und probierte intermediale Konzepte aus.

Es ist wichtig, diesen biografischen Hintergrund zu kennen. Denn genauso so vielschichtig wie ihr Leben ist auch ihre Kunst. So überrascht es dann auch nicht, dass ihre Bilder nicht intuitiv gemalt sind, sondern "ausgerechnet" - sie entsprechen dem goldenen Schnitt (a = 61,8 %, b = 38,2 %). Der Goldene Schnitt bezeichnet eine irrationale Zahl Phi, ein nicht periodischer Dezimalbruch 0,6183... Bevor Filipczyk malt, rechnet sie. Vor den ersten Bildern entsteht "ein ganzer Leitz-Ordner" mit Papierskizzen, die verworfen oder umgesetzt werden.

Doch der Faktor 10 ist nichts Mathematisches, sondern soll lediglich ausdrücken, dass sie vor zehn Jahren ihre erste Einzelausstellung hatte. "Teilung im Quadrat" sollte niemanden durch alte Mathe-Ängste oder Aversionen abschrecken. Der Titel verweist auf die mathematische Basis dieser Arbeiten, aber nachrechnen muss niemand. Pythagoras interpretierte die Harmonie des Kosmos als Verhältnis der natürlichen Zahlen untereinander. Daraus leitete sich auch die abendländische Harmonielehre in der Musik ab. Ingrid Filipczyk fasziniert solche Zusammenhänge und Entsprechungen. In ihre Quadrate geht sie nicht nur mit reiner, ungemischter Ölfarbe, sondern auch mit Zeichenkohle, mit Schnüren aus dem Baumarkt oder Sägeschnitten im Holz. Das Gegensatzpaar Ordnung und Chaos umschreibt ihre Bildwelt, wäre aber zu wenig, um ihrer Kunst gerecht zu werden. Ihr Ausspruch "Ich gucke in Verhältnissen" beweist, dass der künstlerische Blick jedes "Malen nach Zahlen" ersetzt. Am Bodensee erlebte Segelboote verdichtet sie zu einer Serie im 9-Eck, in der Esoterik beliebt. Sie nimmt die altägyptische magische Größe 18:19 auf und gestattet sich im Bild "möglichst wenig Gestaltung". Die konkrete oder minimalistische Kunst der 60er und 70er Jahre ist ihr Ding. Und rein mathematisch gesehen, bietet diese Kunstform unendliche Möglichkeiten.

(hb)
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