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Serie Vor 18 Jahren
Erde bebt, der Himmel ist aus den Fugen

Serie Vor 18 Jahren: Erde bebt, der Himmel ist aus den Fugen
Der Haxhof in Clörath nach dem Wirbelsturm von 1891: Vor dem zerstörten Gebäude stellte der Bauer einen Spendenteller auf. Abends war er mit Goldstücken gefüllt. FOTO: Kreis-Heimatbuch 1979
Willich. Platzregen, Schlammlawinen und Hagelschauer machen in den letzten Jahren viel von sich reden. Statistisch gesehen, hat sich die Zahl verheerender Stürme, Regenfälle und anderer Unwetter in Deutschland seit den 1970er-Jahren mehr als verdreifacht. Ist diese Entwicklung von den Menschen verursacht? "Ja", lautet mittlerweile die übereinstimmende Meinung weltweit. Indes: Ursachen und Prognosen für die globale Erwärmung darzustellen, kommt unserer Serie nicht zu. Sie beschränkt sich auf Ereignisse vor Ort, die unser Bewusstsein geprägt haben - und immer noch prägen. Dazu gehören Naturkatastrophen, wie im Folgenden beschrieben. Von Hans Kaiser

KEMPEN/TÖNISVORST Die älteste Unwetterkatastrophe der Region, über die wir genau unterrichtet sind, bricht am 1. Juli 1891 über das Kreisgebiet herein. Um 17 Uhr baut sich bei Boisheim eine Tornado-Säule auf, pflügt eine Schneise der Verwüstung, einen Kilometer breit, Richtung Nordosten über Anrath bis nach Krefeld. Schon vor dem Unwetter war Anrath die ärmste Gemeinde des Regierungsbezirks. Drei Viertel der Bevölkerung, arbeitslose Seidenweber, fristeten ihr Leben nur mit öffentlicher Unterstützung, nun gibt der Sturm der Gemeinde den Rest. Die Rettung bringen schließlich die gezielte Ansiedlung von Industrie und der Bau eines Staatsgefängnisses am Bahnhof.

Die St.-Peterskirchstraße in Kempen am Morgen nach dem Sturm vom 5. Juli 1999. FOTO: Wolfgang Kaiser

Knapp 100 Jahre nach dem Tornado, der 1891 durchs Kreisgebiet zog, lehrten im Spätwinter 1989/1990 sechs Stürme in vier Monaten die Menschen das Fürchten. Der vierte von ihnen, am 26. Februar 1990, bescherte statt des Rosen- einen rabenschwarzen Montag. Orkanböen fegten schon in den frühen Morgenstunden über das Kreisgebiet. Bis zum Nachmittag fuhr die Kempener Wehr 34 Einsätze. Davon einen spektakulären: Das Dach des Hallenbades wurde fast komplett abgedeckt. Zentnerschwere Brocken wirbelten durch die Luft; verletzt wurde niemand. Für einige Monate mussten die Vereine ausweichen. So konnte die Leistungsgruppe des Kempener SV Aegir aufgrund ihrer guten Beziehungen zum Dülkener SV in Dülken bzw. in Süchteln trainieren.

Zwei Tage später, am Mittwoch, 28. Februar, bricht kurz vor Mitternacht der fünfte Sturm mit aller Gewalt übers Kreisgebiet herein: Bis zu 130 km/h erreichen die Böen des Orkans "Wiebke", decken ungezählte Dächer ab, knicken Laternenmasten wie Streichhölzer und legen durch umgestürzte Bäume vorübergehend die Stromversorgung in mehreren Orten lahm. 350 Einsätze fahren die Wehren im Kreis. Im Dauereinsatz sind ab zwei Uhr morgens die Feuerwehrmänner in der Stadt Kempen: Am Donk- und Burgring schlagen zwei Bäume quer über die Straße, am Donkring wird ein geparkter Mercedes schwer beschädigt. In Klixdorf drückt der Orkan das Dach einer Scheune an der Oedter Landstraße regelrecht vom Giebel: Die Schmalbroicher Wehr zieht es mit Stahlseilen so weit wie möglich in die alte Position zurück. Nahe der Abtei Mariendonk fallen sechs Pappeln auf Hochspannungsleitungen. - Als die Orkanserie abgeflaut ist, stellen die Meteorologen fest, dass man Ähnliches seit Beginn der Wetteraufzeichnungen nicht beobachtet hat.

Am 13. April 1992, um 3 Uhr 20 morgens, erschüttert ein Erdbeben das Kreisgebiet. Sein Zentrum liegt in den Niederlanden zwischen Roermond und Heinsberg nahe der deutschen Grenze. Verursacht wird es durch Bewegungen zwischen der Venloer und der Rur-Scholle, Bruchstücken der Erdrinde, die sich vor 25 bis 40 Millionen Jahren herausgebildet haben. Insgesamt werden über 300 Häuser beschädigt, in Heinsberg 21 Menschen verletzt. Doch der Kreis Viersen kommt mit dem Schrecken davon. Insgesamt ein Lehrstück dafür, wie ohnmächtig der Mensch gegenüber Naturereignissen sein kann.

Das lehrt auch das Unwetter vom 5. Juli 1999. Kurz nach Mitternacht: Über dem Niederrhein bricht der Himmel auseinander, pausenlos zucken gewaltige Blitze, Böen fegen über das Land. Aus dem Schlaf gerissen, betrachten die Menschen ungläubig das Toben da draußen. Als es hell wird, sieht Kempen aus, als sei eine wild gewordene Kettensäge hindurchgerast. Zu Hunderten hat's die Bäume umgeknickt - auch denkmalgeschützte Kastanien an der Burg - Häuser und Autos sind schwer beschädigt. Das Dach des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums hat sich zwischen Pausenhof und Berliner Allee verteilt. In Grefrath ist am Rathausplatz eine Pappel in eine Dachgeschosswohnung gestürzt, verfehlte nur knapp das Bett einer Frau. - Feuerwehreinsätze gibt's auch in Tönisvorst. Willich blieb sturmfreie Zone.

Der letzte Orkan, von dem hier die Rede sein soll, fand vor zehn Jahren statt. Er hieß Kyrill und tobte am Abend des 18. Januar 2007. An der Butzenstraße in Oedt stürzte ein Baum auf eine Stromleitung und mit ihr auf einen Pkw. In Kempen waren sechs Gehwege von umgestürzten Bäumen und die Bahngleise an der Hülser Straße von Ästen zu befreien. Pendler nach Kempen mussten in Krefeld den Zug verlassen, nachdem die Bahn um 17.45 Uhr den Verkehr eingestellt hatte. Allein in der Thomasstadt fielen dem Orkan 126 Bäume zum Opfer.

Tragischer Todesfall in Tönisvorst: Gegen 18.50 Uhr wurde der 39 Jahre alte Feuerwehrmann Thomas Grumbach aus St. Tönis am Feldburgweg/Laschenhütte am Forstwald von einem Baum erschlagen, als er mit Kameraden einen Baum zersägen wollte, der eine Fahrbahn blockierte. Während der Arbeiten erfasste eine Orkanböe einen zweiten Baum, der auf den 39-jährigen St. Töniser stürzte. Kreisbrandmeister Klaus-Thomas Riedel zog den Löschzug St. Tönis aus dem Einsatz ab, dafür sprangen die Willicher Kollegen ein. Grumbach war seit seinem 17. Lebensjahr bei der Feuerwehr und sehr engagiert. Am 26. Januar nahmen mehr als 2000 Menschen an seinem Begräbnis teil. Die drei Pfarrer Ludwig Kamm aus Vorst, Manfred Bub aus Forstwald und Josef Beenen aus St. Tönis hielten die Totenmesse in der Forstwalder Kirche St. Maria Waldrast. Beigesetzt wurde der mutige Wehrmann anschließend auf dem St. Töniser Friedhof. Im Juni 2007 erhielt er posthum das Goldene Feuerwehr-Ehrenkreuz des Landes

In Grefrath gingen vor Kyrill vier Bäume in die Knie. Im ganzen Kreisgebiet stürzten 29 Bäume auf Gebäude und richteten zum Teil erheblichen Sachschaden an. Zwölf Fahrzeuge und 28 Stromleitungen wurden von umfallenden Bäumen getroffen. 74 Mal wurde die Feuerwehr zu Schäden an Dächern gerufen. "Das war der größte Sturmeinsatz, den wir je hatten", berichtete Riedel, Kreisbrandmeister seit 1999. Er lobte die Disziplin, mit der die Feuerwehrleute trotz der chaotischen Lage ihre Arbeit versahen. 30 Mal rückte die Polizei in der Sturmnacht aus. Es gab zahlreiche Straßensperren und 20 wetterbedingte Verkehrsunfälle.

In der nächsten Folge: Der Baubeginn des Franziskanerklosters

Quelle: RP
 
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