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Stadt Willich
Grablegung in Neersen

Stadt Willich: Grablegung in Neersen
Am Ende des oberen Raumes befindet sich die 1661 errichtete Grabkapelle. Auf der Frontseite sind die Leidenssymbole und die schlafenden Wächter abgebildet. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)
Stadt Willich. In der Oberkirche der Kapelle Klein-Jerusalem steht eine kleine Nachbildung der Grabeskirche von Jerusalem von 1661. Von Heribert Brinkmann

1661 steht über dem Eingang der Grabeskapelle, die in der Oberkirche von Klein-Jerusalem meist mit einer Gittertür verschlossen ist. Morgen, an Karfreitag, rückt die Kapelle in den Mittelpunkt des Geschehens. Morgen um 18.30 Uhr feiert die Gemeinde Mariä Empfängnis dort die Grablegung Christi. Der hölzerne Corpus Christi, der im Grab der Grabeskapelle liegt, wird dazu herausgenommen, in Leinen gewickelt und anschließend wieder in sein Grab gelegt.

Ulrich Stevens datiert die Figur im Buch "Die Kapelle Klein-Jerusalem bei Willich-Neersen. Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 63" von 2004 in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Damit gehört sie zum ursprünglichen Bestand. Die Kapelle ist "ein Kind" des Dreißigjährigen Krieges, der in Deutschland 1648 endete. Als die Hessen 1642 Osterath plünderten, konnte Gerhard Vynhoven, Pfarrer der Osterather Kirche, nur knapp entkommen. Damals soll er ein Gelübde abgelegt haben, zum Dank eine Kapelle zu errichten.

Nach der Zerstörung der Osterather Kirche trat er als Feldkaplan in den Dienst Jan van Werths in Böhmen. Zwischen 1655 und 1660 setzte er das Gelübde in die Tat um und ließ in der Nähe seines Geburtshauses in der Eicker Heide bei Neersen die Kapelle Klein-Jerusalem errichten. Sein Sold, aber vor allem sein elterliches Erbe ermöglichten diese Stiftung. Vynhoven wollte auch als Lehrer wirken. Schon in Anrath übernahm er den Schulunterricht, als der dortige Lehrer zum Calvinismus übergetreten war. Nach einer, vielleicht auch zwei eigenen Reisen ins Heilige Land, hatte er das Ziel, in seiner Heimat die heiligen Stätten von Bethlehem und Jerusalem möglichst originalgetreu nachzubauen.

Seine Idee war, den Menschen, die im Dreißigjährigen Krieg schreckliche Dinge erlebt und viel Leid erfahren hatten, im Glauben zu stärken, indem man "die ersten und die letzten Tage des Herrn anschaulich vor ihre Seele" zeigte. Im 17. und 18. Jahrhundert waren Wallfahrten am gesamten Niederrhein beliebt. In der Betrachtung von Leben und Leiden Jesu sollten die Wallfahrer Antworten auf Fragen zu ihrem persönlichen Schicksal erhalten. Noch heute sind an den Leuchtern der Grabeskapelle Pilgerzeichen zu finden. Insgesamt ist Klein-Jerusalem als ein Zeugnis für Volkserziehung und Gegenreformation zu sehen.

An Karfreitag wird in Klein Jerusalem der Corpus Christi in Leinen gewickelt und zu Grabe getragen. FOTO: Kaiser

Der Kölner Erzbischof forderte Vynhoven nach dem Bau der Kapelle in Neersen auf, von denkwürdigen Heilungen bei Pilgern zu berichten. Vynhoven listet 121 Fälle kranker Pilger auf, die dort zumindest eine teilweise Genesung erlangt haben sollen.

Wer heute die Kapelle Klein-Jerusalem betritt, wird als erstes die Kreuzigungsgruppe hinter dem Altar wahrnehmen. Wer dann die Unterkirche aufsucht, ist ganz in die Welt Bethlehems eingetaucht. Die Grabeskapelle oben führt dagegen eher ein Schattendasein - das nicht gerechtfertigt ist. Das Original, die Grabeskapelle in Jerusalem, brannte 1808 ab - wobei die Grabkammer wie durch ein Wunder unbeschädigt blieb.

Die kleine Neersener Kopie hat das Original überlebt. Ursprünglich hatte Kaiser Konstantin um 335 in Jerusalem über dem Felsen von Golgatha eine Gedächtnisstätte errichten lassen. 614 wurde sie bei der Eroberung Jerusalems durch die Perser durch Feuer beschädigt, 630 wiederhergestellt. Nach der Zerstörung zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde die Grabeskirche ab 1042 wieder aufgebaut.

Die Kreuzfahrer bauten sie im 12. Jahrhundert um, auf den Brand 1808 folgte 1927 ein Erdbeben. Die griechisch-orthodoxe Golgathakapelle zeigt unter dem Kreuzigungsaltar einen Spalt im Felsen (Mt 27,51). 1927 wurden Stahlstützen zum besseren Halt eingezogen. Um diese Station an der Via Dolorosa kümmern sich heute außer den Griechen noch Armenier, Syrer, Kopten, Äthiopier und Franzsikaner. In Neersen ist es die Interessengemeinschaft Kapelle Klein-Jerusalem, die rund 120 Mitglieder hat. Die Vorsitzende Brigitte J. Vander aus Niederheide ist zugleich Mitglied im Orden der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Die eigentliche Grabkammer betrifft man gebückt durch eine niedrige Öffnung. Der Vorraum ist die Engelskapelle. FOTO: Kaiser, Wolfgang (wka)
Quelle: RP
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