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Serie Vor 75 Jahren
Houben und die Breyeller Geheimsprache

Der Lobbericher Buchhändler und Antiquar Hans K. Matussek hat einen guten Ruf als exzellenter Kenner von Leben und Werk Thomas Manns. Dass gerade er sich einfühlsam mit dem Leutherheider Dichter Heinrich Houben befasste, ist nebenbei ein Indiz für die Tatsache, dass Houben eine bemerkenswerte Gestalt der deutschsprachigen Literatur- und Theatergeschichte ist.

Er würdigte ihn 2005 mit einem materialreichen Aufsatz im Heimatbuch des Kreises Viersen. Heinrich Houben wirkte aber nicht nur nachhaltig in die damalige theaterinteressierte Welt hinein, er war auch aktiv an der Aufarbeitung örtlicher Traditionen beteiligt. Vor allem hat er sich mit einer rheinlandweit einzigartigen Besonderheit Breyells befasst: der Geheimsprache der Kiepenträger, dem "Henese Fleck" - neben der nordwestfälischen "Tjöttensprache" die einzige vor Jahrzehnten noch gesprochene Geheimsprache in Deutschland.

Der Germanist Heinz-Joachim Graf leitete 1974 seine wissenschaftliche Studie über den "Henese Fleck" mit folgender Definition ein: "Geheimsprachen sind Sprachen abgesonderter, in sich geschlossener Gruppen, die sich durch einen von Hochsprachen und Mundarten verschiedenen, verhältnismäßig unverständlichen Wortschatz, eine ebenso unverständliche Idiomatik, fremdsprachige Ausdrücke und nur Eingeweihten verständliche Umschreibungen absondern."

Ein solcher Eingeweihter war Heinrich Houben. Drei Auflagen erlebte seit 1888 seine Arbeit: "Der Henese-Fleck. Das Krämerlatein der Breyeller. Ein belehrendes und unterhaltendes Büchlein über eine alte Geheimsprache."

Die Herkunft des Vokabulars der Breyeller Geheimsprache ist sehr heterogen, vom Rotwelschen bis zu verschiedenen europäischen Sprachen und dem Deutschen. Aber mitnichten ist sie eine Mundart. Um einen Eindruck von dem fremdartigen Klang zu vermitteln, sei der Anfangssatz aus der Geschichte "Der Hase in der Schlinge" auf Deutsch und in der Breyeller Geheimsprache zitiert:

"Es war vor einigen Jahren in Breyell ein Mann, der das Schlingenstellen sehr gut verstand." - "Et hucket vör krützkes Jahre ene Benk hitschen en de Vill de dat ströppen von Lokhöte knäbbig holet."

Überlebenschancen als von vielen Menschen vor Ort gesprochene Geheimsprache hat auch der "Henese Fleck" nicht, wenngleich es hier und da noch Erinnerungen an ihn gibt - so zum Beispiel im Namen der Lötscher Karnevalsgesellschaft "De molveren dei" (die kahlen Köpfe).

(plp)
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