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Stadt Willich
"Ich habe 3000 Stücke im Kopf"

Stadt Willich. Hans Doetsch hat auf die Karriere im elterlichen Feinkostladen verzichtet, um Musik zu machen. Als Musiker, Komponist und Musiklehrer mit eigener Schule hat er Höhen und Tiefen eines Künstlerlebens ausgekostet. Morgen wird er 90. Von Heribert Brinkmann

Auf dem Tisch liegt das Buch "Die Liebe in Zeiten der Cholera" von Gabriel García Márquez. Es geht um die Erfüllung einer Jugendliebe im hohen Alter. Die Liebe spielte im Leben von Hans Doetsch immer eine große Rolle, neben seiner großen Liebe zur Musik. Für sie verzichtete er auf die Nachfolge im väterlichen Feinkostladen in Grevenbroich. Heute lebt Hans Doetsch im alten Krankenhaus an der Neersener Straße in Anrath. Seinen Besucher holt Doetsch auch schon mal in seinem "Silberpfeil" ab, wie er sein kleines Elektromobil ironisch nennt. Morgen, am 26. April wird der Musiker 90 Jahre alt.

In seinem Wohnzimmer hängt eine Zeichnung von Lajos Sebök, dem (längst verstorbenen) ungarischen Künstler aus Neuss, der ihn so gezeichnet hat, wie ihn die meisten kennen: als Pianist am Flügel. Das Klavierspiel ist bis heute seine große Leidenschaft, zuletzt hat er im Wahlefeldsaal zusammen mit der Kölner Jazzsängerin Christine Schröder und einer Jazzband ein großes Konzert gegeben.

Dass er Musiker wird, war ihm nicht vorbestimmt. Sein Vater Johann gehörte ein Feinkostgeschäft in Grevenbroich. Sohn Hans sollte es eines Tages übernehmen. Doch er war von klein auf ein Rebell, das Liebedienerische beim Bedienen der Kundinnen stieß ihn ab. Mit 16 Jahren zog er in den Krieg. Als jüngster Kriegsfreiwilliger im Gau Düsseldorf wollte er zur Leibstandarte Adolf Hitler. Dabei war Vater Johann nie in der Partei. Tatsächlich kämpfte Hans Doetsch im Januar 1945 im elsässischen Weißenburg beim Unternehmen Nordwind. Dann kam er nach Wien. Drei, vier Monate vor Kriegsende erlebte er, wie sieben Italiener erschossen wurden. Er desertierte, wurde eingesperrt, von dem Amerikanern befreit und von den Russen übernommen. Er überlebte als einziger aus dem Lager, weil er vier Monate lang der Leibpianist des russischen Kommandanten war. Mit Chopin und Mozart hatte er seine Haut gerettet. Mit einem Rucksack voller Lebensmittel wurde Doetsch zur Demarkationslinie nach Mauthausen gebracht.

Mit vier Jahren hatte Hans Doetsch bereits Klavier erlernt. Unterrichtet hatte ihn "Onkel Eugen", ein Untermieter im Elternhause. Damit der kleine Hans an die Pedale reicht, kamen Holzstücke auf die Pedale. Seine Mutter sang sehr schön zur Gitarre, sein Vater hegte eine Vorliebe für Wagner. Das zweite väterliche Lieblingslied war "Isch mööch zo Fooß noh Kölle gon". Nach dem Krieg heiratete Hans Doetsch die Tochter eines Landwirtes, Freund und Lieferant der Familie. Auch das Leben auf dem Hof machte er mit Leidenschaft - wie alles in seinem Leben - mit. Jede freie Minute verbrachte er auf einem Pferd und ritt bis zum Kloster Knechtsteden. Auf dem Dachboden übte er Klavier (O-Ton Schwiegervater: "Mit dem Geld hätte man eine schöne Kuh kaufen können"). "Musik war von Anfang an mein Leben", sagt Doetsch.

Sein Vater zwang ihn, etwas "Ordentliches" zu lernen. Der Sohn ging in die Feinkostlehre und hat bei führenden Feinkostläden eine gute Ausbildung erhalten. Es stand schon fest, dass er den Laden einst übernimmt. In Neuwied ging er in die Lehre, doch der "Rebell" mit viel Sinn für herbe Streiche wurde von der Schule verwiesen. Durch den bei der IHK einflussreichen Vater wurde Sohn Hans wieder gnädig aufgenommen. "Wogegen habe ich nicht rebelliert", sagt Doetsch heute fast wehmütig - auch wenn er sich dabei oft eine Dötsche, wie man im Rheinischen sagt, einfing. Doch gut kochen kann er auch heute noch.

Und selbst gegen die Klassiker in der Musik rebellierte er. Wenn er gefragt wurde, ob er die Träumereien von Schubert spiele, antwortete er, nein, die von Doetsch. Seine anderen Vorstellungen von Harmonien machen das Zusammenspiel mit ihm mitunter schwierig, räumt er ein. Beim Klavierspiel greift er bei den Akkorden sechs bis neun Tasten gleichzeitig.

Als Rebell hielt es ihn auch nicht lange auf dem Düsseldorfer Konservatorium. Er ging lieber mit drei Musikern alias der Hans Doetsch Show Band auf Reisen. Als die italienischen Schlager Deutschland eroberten, holte er einen italienischen Sänger in die Band. Aus Panama kam ein farbiger Saxofonist dazu, aus Frankreich der Bassist. Als einzige Band boten sie ein völlig neues System: Sechs bis acht Stunden spielen, und zwar 55 Minuten am Stück nonstop, aber in sieben Kostümen. So retteten sie in Aachen das Café Vaterland, das kurz vor dem Aus stand. Sie sorgten stets für Aufsehen. Morgens saß die Band auf Bierkästen in der Altstadt und spielte Skat. Oder Hans Doetsch spielte schon mal im Stehen Klavier. Und einmal hat die Band einen Striptease hingelegt - bis auf den Slip. Auf jeden Fall war die Bude immer brechend voll, weil die Band immer eine Show abzog. Man trank Aquavit mit Zangen, alle ließen sich eine Glatze schneiden, trugen rote und grüne Socken - gleichzeitig. "Das ganze Leben war unterhaltsam". Und Hans Doetsch lächelt still vor sich hin, wenn er an diese früheren Verrücktheiten denkt. Als er sich mit einem GI schlug, der ein Fräulein bedrängte, kam es zum Splitterbruch der rechten Hand: Mit der Klassik war es damit vorbei.

So wechselte er und machte Musik in der Düsseldorfer Altstadt. Ein Jahr später gründete er in Kaarst eine Musikschule, die sich anfangs besonders der Früherziehung ab vier Jahren widmete. Er schrieb auch ein Musikbuch für Kindergärten, das im Buchverlag Kempen erschien. Heute lebt er jeden Tag, als ob es sein letzter wäre - und macht gleichzeitig jede Menge Pläne für die Zukunft. Ende Juni steht das nächste Konzert an - als Trio mit Bassist und Sängerin Christine Schröder.

Quelle: RP
 
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