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Stadt Willich
Liebesbriefe - die Leiden des Werbens

Stadt Willich: Liebesbriefe - die Leiden des Werbens
Mitglieder des Ensembles der Schlossfestspiele Neersen lasen aus Liebesbriefen bekannter Männer und Frauen, vorn Thomas Kornmann und Bettina Dornheim. FOTO: ACHIM HÜSKES
Stadt Willich. Bei der beliebten Gartenlesung der Schlossfestspiele Neersen führten Mitglieder des Ensembles in die Blütezeit des Briefeschreibens. Christine Csar hatte wieder eine wunderbare Sammlung von Texten zusammengetragen. Von Angela Wilms-Adrians

Ein Liebesbrief ist stets mehr als eine schlichte Mitteilung. Wie sehr sich Leidenschaft, Eifersucht, angstvolles Hoffen und Verzweifeln in den Zeilen spiegeln, bewies die Gartenlesung im Rahmen der Schlossfestspiele Neersen. Zu Christine Csars Regie lasen Ensemble-Mitglieder Liebesbriefe großer Frauen und Männer und entführten in die Blütezeit des Briefeschreibens. "So war es, als man sich noch Zeit zum Schreiben nahm und die Zeit ein Geschenk war", sagte Csar beinahe am Schluss. Und tatsächlich stimmte der Gedanke ein wenig melancholisch, dass diese ganz besondere Kunst in der Schnelllebigkeit des Zeitalters digitaler Medien beinahe verloren ging.

Im Geviert des Gärtchens beim Pförtnerhaus fand die Lesung zunächst das ideale Ambiente. Doch wie sich in der Liebe nicht alle Hoffnungen erfüllen, so zwang denn bald auch hier ein heftig einsetzender Regen zur Flucht aus dem kleinen Paradies in den Ratssaal.

Zur Reinhard-Mey-Melodie sinnierte Csar zu Beginn über die Schwierigkeit, die rechten Worte für ein Liebeslied zu finden. Scheinbar um das Blumenbeet lustwandelnd reihten die Schauspieler zunächst in lockerer Folge überlieferte Bemerkungen über das Schreiben und Erhalten von Liebesbriefen. Die Liste der namentlich vorgestellten Verfasser reichte von Achim von Armin über Eleonora Duse und Goethe bis hin zu Stifter, Beethoven und anderen mehr. Csar ergänzte um erklärende Hinweise. So war zu hören, dass Gottfried Keller auf seinen Brief an Luise Rieter eine äußerst schroffe Zurückweisung erhielt. Auswahl und Ausführung boten amüsante und tief berührende Momente.

Die Darsteller ließen in vielfältigen Schattierungen die Verfassung der jeweiligen Autoren lebendig funkeln. So gab Sarah Elena Timpe die Briefschreiberin Bettina Brentano schmollend und doch sehr verliebt. Heinz-Hermann Hoff verkörperte vortrefflich etwa das Wesen des Johann Nestroy, der in Briefform Vorschläge für eine geheime Liaison unterbreitet - mit Erfolg übrigens. Von melancholischen Vorahnungen geplagt und dann wieder leidenschaftlich verliebt, mimte Lena Stamm ihre Protagonistinnen. Bettina Dornheim fing anschaulich den Wechsel vom mahnenden Ton zur aufkeimenden Leidenschaft der Ninon de Lenclos ein, die - als Vermittlerin in Liebesdingen geworben - sich in den wesentlich jüngeren Briefschreiber verliebt. Zum berührenden Dialog entfalteten Thomas Kornmann und Sarah Elena Timpe den Briefwechsel zwischen Heinrich von Kleist und der an Krebs erkrankten Henriette Vogel. Nach vorheriger Absprache hatte Kleist erst sie und dann sich selbst erschossen. Gideon Rapp fing in Stimme und Auftreten das selbstverliebte und anmaßende Wesen des Percy Shelley ein, verletzbar und empfindsam gab er Oscar Wilde, der wegen Homosexualität zur Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Rote Rosen waren während der Lesung gern genutztes Liebespfand, das geküsst, in Trauer zerpflückt und gereicht wurde - in behutsam erzählender Geste.

Quelle: RP
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