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Serie Die Errichtung Des Willicher Friedenskreuzes (1)
Männer beten um den Frieden

Serie Die Errichtung Des Willicher Friedenskreuzes (1): Männer beten um den Frieden
4. April 2015: Langsam hievt Willichs Feuerwehr das erneuerte Kreuz an den alten Platz. FOTO: Philip Müller
Willich. In der Nacht zum Passionssonntag 1947 richteten 800 Männer an der Ritterstraße in Alt-Willich ein Holzkreuz mit der Aufschrift "Männer beten um den Frieden" auf. In einer Serie berichtet die RP über die bisher unbekannten Zusammenhänge. Von Hans Kaiser

Willich Es ist Karsamstag, der 4. April 2015, 11 Uhr vormittags. An der Ecke Neusser, Ritter- und Martin-Rieffert-Straße in Willich hat sich eine große Gruppe Zuschauer versammelt, darunter auch Bürgermeister Josef Heyes. Vor ihnen hält ein Leiterwagen des Willicher Löschzugs. Die Menschen beobachten, wie vom Hebekorb ein riesiges Holzkreuz schwankt. Langsam hievt der stählerne Arm das fünf Meter hohe Glaubenssymbol auf die Grundstücksspitze zwischen den drei Straßen. Vorsichtig wird es hier in die Erde gesenkt. In einer kurzen Ansprache erinnert Heyes daran, dass dieses "Friedenskreuz" hier vor mehreren Jahrzehnten errichtet worden ist; dass man es abgebaut hat, um es zu restaurieren, und dass es nun wieder in einer verschönerten Umgebung aufgepflanzt wird. Eine gute Tradition wird fortgesetzt.

Die Tradition beginnt im Juli 1945, als zurückgekehrte Kriegsgefangene unter dem Krefelder Kaplan Dr. Lambert Drink eine Glaubensbewegung speziell für Männer gründen: das Katholische Männerwerk. Es geht ihnen um eine Neugestaltung des Lebens nach christlichen Grundsätzen. Schließlich: Opfersinn und Pflichterfüllung, Liebe zum Vaterland - unter dem Nationalsozialismus sind diese Tugenden Falschmünzern in die Hände gefallen. Während andere Sinngebungen versagt haben, bietet jetzt noch der christliche Glaube Antwort auf die drängenden Fragen einer bedrückenden Zeit.

Der Stellmachermeister Peter Dohmganz, hier an seiner Werkbank, fertigte das Friedenskreuz. FOTO: NN

Überall im Bistum Aachen bilden sich jetzt spontan solche Männerwerks-Gruppen, auch in Willich. Ihre Mitglieder organisieren Büchereien, Vorträge, Gottesdienste für Männer, Prozessionen. Die Bewegung wird vom Aachener Bischof Johannes Joseph van der Velden (Amtszeit: 1943-1954) nach Kräften gefördert. Van der Veldens Wahlspruch lautet: "Im Kreuz ist Heil!" Das fällt auf fruchtbaren Boden.

Der Initiator des Männerwerks, der Krefelder Kaplan Lambert Drink, regt eine Kreuzwallfahrt durch das ganze Bistum an. Sie soll dem Gedanken des Friedens dienen, nach einem grauenvollen Krieg. Von Krefeld aus sollen heimgekehrte Soldaten am Karfreitag 1947 ein großes Holzkreuz durch alle Dekanate tragen. Die Resonanz ist enorm. Ein halbes Jahr lang tragen und begleiten nun mehr als 200.000 katholische Männer das Holzkreuz von Krefeld aus durch 39 Dekanate und 120 Pfarreien der meistzerstörten Diözese des noch übrig gebliebenen Deutschlands. Am 28. September 1947 findet die Schlussfeier der Kreuzfahrt auf dem Aachener Markt vor rund 30.000 Männern statt.

Aber was ist mit den Gemeinden, durch die die große Kreuzprozession nicht kommt? Die Bewegung soll flächendeckend sein. Dazu ruft nun der Mönchengladbacher Hilfsschulpädagoge David Gathen auf. Als Sprecher der katholischen Arbeiterjugend hat er zur Entstehung der Männerbewegung mit Reden und Aufsätzen weit beachtete Impulse geliefert. Das verleiht seiner Stimme Gewicht, wenn er jetzt in dem viel gelesenen Pastoralblatt "Die Pfarrgemeinde" schreibt: "Als Männer unseres Volkes sind wir bereit, sühnend zu tragen, was alles im Namen und durch Glieder unseres Volkes geschah. Wir beginnen in der Nacht zum Passionssonntag mit dem Zug des Kreuzes. In jeder Stadt und in jedem Dorf soll aus deutschem Eichenholz das Kreuz der Sühne und des Friedens errichtet werden."

In Willich, wird die Rheinische Post später melden, findet dieser Aufruf "stärksten Widerhall". Wo ist ein geeigneter Platz für ein solches Friedenskreuz? Die Wahl fällt auf das Grundstück Ritterstraße 1 am Ortsrand, wo sich Schmiede und Wohnhaus von Peter Willms und seiner Frau Bernhardine befinden. Eine ruhige Lage, aber gut erreichbar. Peter Willms tritt die Grundstücksspitze dem damaligen Pfarrer, dem Dechanten Joseph Schuwerack (Amtszeit: 1940-1952), per Handschlag ab. Die Übertragung an die katholische Kirchengemeinde geschieht auf Treu und Glauben, eine Grundbuchseintragung hält man nicht für notwendig.

Kirche und Männerwerk suchen einen geeigneten Handwerker, der ein solches Kreuz anfertigt. Sie finden ihn in Peter Dohmganz, Alperheide 34. Dohmganz, Stellmachermeister seit 1940, ist bekannt für sein handwerkliches Geschick, aber auch für seine Hilfsbereitschaft. Er willigt gerne ein und bittet den Landwirt Hans Binger vom Nauenhof/Streithöfe, ihm das nötige Eichenholz zur Verfügung zu stellen. Daraus fertigt er dann das Kreuz.

Auch Binger steht in enger Verbindung zur katholischen Kirche. Bei der Fronleichnamsprozession gehört er zu den Trägern des Baldachins, der das Allerheiligste schützt. Das Eichenholz entnimmt er seinem Wäldchen, dem Kuhbusch, 300 Meter vom Nauenhof Richtung Fischeln. "Er war bekannt dafür, dass er Bäume liebte", weiß seine Tochter Marita, verheiratet mit dem Ex-Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Norbert Blüm (Amtszeit: 1982-1998). Und ergänzt: "Der Kuhbusch war aber keineswegs ein Busch, sondern ein Wald mit sehr stattlichen und sehr alten Buchen und Eichen."

In den fertig gestellten Querbalken schneidet der Willicher Holzschnitzer Stefan Baer einen kurzen Text und die Jahreszahl 1947. Baer ist auch Steinmetz; mehrere Grabsteine auf dem Willicher Friedhof, die er angefertigt hat, stehen heute noch. An der Hochstraße 7 betreibt er eine "Bildhauerei". Wegen der Anfertigung des Trägerfundaments wendet Stellmachermeister Peter Dohmganz sich an den Huf- und Wagenschmiedemeister Jakob Blassen, Martin-Rieffert-Straße 50. Die beiden kennen sich gut, denn Blassen zieht die Eisenbänder auf die Räder der Karren, die Dohmganz gebaut hat. Für ihre Leistungen verlangen die Männer nichts, die Anfertigung des Kreuzes ist ihnen eine Ehre. Sie arbeiten "für Gotteslohn", wie sie es nennen. (Fortsetzung folgt)

Quelle: RP
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