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Stadt Kempen
Marienverehrung am Niederrhein

Stadt Kempen. Das späte 15. Jahrhundert war eine unruhige Zeit. Seit 1457 ist bezeugt, dass die Gläubigen mit ihren Sorgen und Ängsten Zuflucht beim Gnadenbild Madonna mit Traube in der Kirche Mariä Geburt fanden. Die Ausstellung "Das Haar der Maria" im Städtischen Kramermuseum beleuchtet Kempens goldene Epoche als Marienwallfahrtsort. Die "Madonna mit der Traube" ist heute leer, das "Haar der Maria" ist verschwunden. Von Heribert Brinkmann

Die Ausstellung "Das Haar der Maria" im Städtischen Kramer-Museum hatte jetzt besondere Besucher: Die beiden Kölner Kunsthistoriker und Experten im Bereich der Mariendarstellung, Rainer Palm und Dr. Reiner Dickhoff, halten das Gnadenbild Madonna mit der Traube für viel älter als bisher angegeben. Die Madonna, die in der Ausstellung nur mit einem Foto vertreten ist - das Original steht in der Propsteikirche - soll bereits um 1280 und nicht wie bisher genannt um 1420 entstanden sein. Sie sei eine typische Kölnische Madonna dieser Zeit, allerdings sei in Köln keine so frühe Madonna mit Traube bekannt. Kulturamtsleiterin Dr. Elisabeth Friese hat sogar mit den Experten die originale Madonna in der Propsteikirche inspiziert. Dazu wurde sie aus der Nische herausgeholt. Von hinten zeigt die Marienfigur das lange Haar geflochten in einem Schwalbenschwanzzopf. Im Thron sind Vertiefungen sichtbar, die wahrscheinlich früher einmal mit Edelsteinen gefüllt waren. An hohen Marientagen wurde die Figur durch die Straßen von Kempen getragen. Knapp 200 Jahre war Kempen eine Marienwallfahrtsstätte - bis sie von Kevelaer abgelöst wurde. Die Pilger machten die Kirche reich, sorgten für eine prächtige Ausstattung. Aber auch die Gastwirte und Kaufleute profitierten von den zahlreichen Fremden in der Stadt. Noch heute ist der Reichtum von damals an den Häusern ablesbar. Das Haus Hüskens-Weinforth (das steinerne Haus am Markt) neben der Heilig Geist Kapelle und das von-Nievenheimsche Haus am Hessenwall (1524/25) waren in Kempen erste Häuser mit einem steinernen Giebel.

Nachzuvollziehen ist die Marienwallfahrt in Kempen in der Ausstellung im Kramer-Museum, die eigentlich nächste Woche zu Ende gehen sollte, aber bis zum 29. November verlängert wurde. Die interessante stadthistorische Ausstellung trägt den Titel "Das Haar der Maria". Gemeint ist damit eine kostbare Reliquie, Partikel des Haares der Maria, die 1473 in die Pfarrkirche kam. Sie befand sich wahrscheinlich in der Mantelschließe unter einem Bergkristall. Die Reliquie ist verloren gegangen und heute nicht mehr vorhanden. Für die Echtheit des Haares gab es damals sogar eine "TÜV-Plakette", wie Dr. Friese es scherzhaft nennt, in Form eines Beglaubigungsschreibens des Abtes von Essen-Werden vom 13. Juli 1473. In der Ausstellung ist ebenso ein Ablassbrief aus dem Jahr 1470 zu finden, von Kardinal Basilius Bessarion, griechisch-katholischer Patriarch von Konstantinopel im Exil. Die Muttergottes spielte als Vermittlerin zwischen Christus und den Menschen immer eine große Rolle. Der Ablassbrief ermahnt die Gläubigen zu beichten, die Messe zu besuchen und Almosen für die Pfarrei zu geben. In Folge des Geldes wurde die Kirche reich ausgestattet, etwa mit dem Marienleuchter, Skulpturen und wertvollem Altargerät. Die Ausstellung zeigt zum Beispiel eine Gotische Monstranz, die einem gotischen Dom nachempfunden ist, aus einer Kölner Werkstatt, um 1430.

Ein besonders prächtiges Teil in der Ausstellung ist die Marienkette aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie soll dem Gnadenbild in St. Mariae Geburt umgehängt worden sein, was nach den Überarbeitungen nicht mehr zu passen scheint. Die Marienbruderschaft und die St. Michaelis-Schützenbruderschaft stifteten eigene Anhänger.

Im Kontrast zu den prunkvollen Monstranzen in ihrer gotischen Pracht ist in der Kempener Ausstellung ein Abendmahlskelch von 1645 zu finden. Er macht deutlich, wie nach der Reformation das Wort im Mittelpunkt der Kirche stand. Nach der Reformation war über die Hälfte der Ratsherren von Kempen evangelisch geworden - bis die Gegenreformation dafür sorgte, dass die Protestanten und die Juden die Stadt verlassen mussten. Auch der Reliquienkult ging weiter. Die Ausstellung zeigt eine barocke Reliquie, die ein Knöchelchen des Thomas von Kempen enthalten soll, obwohl er kein Heiliger ist.

1642, nach 200 Jahren ist die Wallfahrt für Kempen Geschichte. In Kevelaer begann die Marienwallfahrt mit einem Bildchen "Unserer Lieben Frau von Luxemburg", das Soldaten feilboten. Es befand sich im Besitz eines Leutnants, der in Kempen gefangen gehalten wurde. Nach seiner Freilassung kam es nach Geldern und dann zum neu errichteten Heiligenhäuschen in Kevelaer, das ein frommer Handwerker dort errichtet hatte, weil es ihm die Muttergottes so eingegeben hatte. Dort fanden sich schnell Pilger ein. Um den Bildstock baute man 1654 eine sechseckige Kapelle. Das kleine Gnadenbild in der prächtigen Gnadenkapelle ist bis heute dasselbe geblieben.

Die Kempener Ausstellung ist Teil der großen Verbundausstellung des Niederrheinischen Museumsnetzwerkes des Kulturraum Niederrhein unter dem Thema "Himmelwärts".

Das Haar der Maria. Marienwallfahrt in Kempen, Städtisches Kramer-Museum Kempen im Kulturforum Franziskanerkloster, Burgstraße 19, Kempen, geöffnet bis 29. November, dienstags bis sonntags 11 bis 17 Uhr, donnerstags 11 bis 18 Uhr.

Quelle: RP
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