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Stadt Willich
Mit der dritten Generation ist Schluss

Stadt Willich: Mit der dritten Generation ist Schluss
Betty Brix und Arnulf Roidl führen gemeinsam das Schuhgeschäft, bis es Ende Juni schließt. FOTO: Wolfgang Kaiser
Stadt Willich. Nach 110 Jahren schließt das Anrather Schuhhaus Roidl seine Türen. Es findet sich kein Nachfolger für die im vergangenen Jahr verstorbene Inhaberin Marlene Roidl. Von Bianca Treffer

Die großen roten Plakate in den Schaufenstern verkünden es schon von Weitem: An der Viersener Straße 23 ist der Räumungsverkauf gestartet. Eigentlich hätten im Mai andere Plakate die Fenster des Schuhgeschäftes zieren sollen. "Wir hätten in diesem Monat unser 110-jähriges Bestehen gefeiert", sagt Arnulf Roidl. Doch statt Jubiläumsfeier steht jetzt der Ausverkauf in dem traditionsreichen Anrather Schuhhaus an, denn mit Marlene Roidl, die Ende Dezember vergangenen Jahres verstarb, verlor das Geschäft seinen Mittelpunkt.

"Das Schuhgeschäft war das Ein und Alles meiner Frau. Es war ihr Herzstück. Was sie als Kind bereits gespielt hatte, nämlich Schuhe verkaufen, hat sie ihr Leben lang mit Freude gemacht", erzählt ihr Mann, der selbst schon seit etlichen Jahren in Rente ist. Etwas, an das seine Frau, obwohl sie dafür längst das Alter gehabt hätte, nie gedacht hat. Marlen Roidl ist mit dem Schuhgeschäft groß geworden. Ihre Großeltern, das Ehepaar von Thenen, gründeten das Geschäft im Mai 1906, wobei Schuhreparaturen damals das Gros darstellten. Tochter Maria Neugebauer führte gemeinsam mit ihrem Mann das Geschäft weiter, das letztendlich deren Tochter Marlene 1963 übernahm. Die 20-Jährige hatte davor die Lehre zur Einzelhandelskauffrau im elterlichen Geschäft absolviert.

"Marlene hatte nie etwas anderes machen wollen. Wenngleich sie selber überhaupt keinen Schuhtick hatte. Es gab daheim keine Schuhsammlung", verrät Arnulf Roidl mit einem wehmütigen Lächeln. Der Maschinenbauingenieur, der im Flugzeugbau tätig war, wurde in seiner Freizeit oft mit in die Arbeit des Schuhgeschäftes eingebunden. In früheren Jahren hieß das unter anderem Kohlen für die Zentralheizung schaufeln. "Die Kohlen wurden tonnenweise angeliefert und mussten in den Schuppen verfrachtet werden", erinnert sich der Anrather. Da man damals auch vor Ort wohnte, sah alles völlig anders aus. Wo heute das Büro ist, war früher einst das Bad zu finden. Im Laufe der Jahre wurde mehrmals umgebaut, und das heutige Ladenlokal entwickelte sich. Aus dem einstigen Wohn- und Geschäftshaus entstand ein reines Geschäftshaus.

Der Computer löste die Karteikarten ab, das Internet entwickelte sich als Konkurrenz ohne Geschäftsräume, und Schuhe gab es auf einmal überall zu kaufen. Aufhören wollte Marlene Roidl aber nie. "Der Kontakt zu den Kunden war ihr wichtig, auch als sie schon aufgrund ihrer Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen war. Zudem liebte sie es, zu den Messen zu fahren", erzählt Arnulf Roidl.

Ihre Begeisterung konnte Marlene Roidl aber nicht auf ihre Kinder übertragen. Sohn und Tochter schlugen beruflich andere Wege ein. Arnulf Roidl versuchte zwar, einen Nachfolger für das Schuhgeschäft zu finden, allerdings ohne Erfolg. So wird Ende Juni eine Ära enden, denn bis zu diesem Zeitpunkt soll der Räumungsverkauf laufen. Das gesamte Sortiment, angefangen bei den Kinderschuhen über die Damen- und Herrenmodelle wie auch den Freizeitschuhsektor inklusive Gummistiefel und Badelatschen, soll über die Theke gehen. Aktuelle Frühjahrs- und Sommermode befindet sich auch darunter, denn Marlene Roidl hatte im vergangenen Jahr noch entsprechend geordert.

Aktuell warten rund 2000 Schuhpaare auf neue Füße. "Es fällt mir schwer zu glauben, dass die schöne Zeit hier nun ein Ende hat", sagt Betty Brix, die 29 Jahre lang bei Roidl als Fachverkäuferin tätig war und jetzt die letzten Verkaufsgespräche an der Viersener Straße 23 führt.

Quelle: RP
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