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Stadt Willich
Mit der Spraydose Grenzen überwinden

Stadt Willich: Mit der Spraydose Grenzen überwinden
In den Räumen des Jugendzentrums Karo 11 trafen sich die Teilnehmer, um erste Erfahrungen im Graffiti-Sprayen zu sammeln und dabei miteinander ins Gespräch zu kommen. FOTO: Wolfgang Kaiser
Stadt Willich. Graffiti verbinden. Das konnten jetzt die Initiative LOT, der Arbeitskreis Fremde und das Jugendzentrum Karo 11 feststellen. Gemeinsam hatten sie Flüchtlinge und Jugendliche zu einem dreitätigen Workshop eingeladen. Von Bianca Treffer

"Vorsichtig abziehen", mahnt Marten Dalimot auf Englisch, als Fithawit zum Abklebeband greift, das links auf ihrer 1,5 mal ein Meter großen Leinwand pappt. Stück für Stück zieht die junge Frau aus Eritrea den Streifen ab und freut sich. Der Brückenboden, den sie mitten in das Wolkenensemble gesprüht hat, ist schnurgerade geworden. Ihr Blick fällt auf das Smartphone in ihrer Hand. Dort ist das Bild, das sie gerade sprayt, in seiner ganzen Pracht zu sehen. Ihre Frage, wie sie es anstellen muss, damit das Geländer genau so plastisch wirkt wie auf dem Foto, beantwortet Dalimot nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch: Der Duisburger Künstler greift zur Spraydose, um seine Erläuterungen vorzuführen.

Beim Schütteln der Dose erklingt das Klack-Klack, bevor der erste Farbstrahl aufs Bild zischt. Ein Geräusch, das überall im großen Gruppenraum des Willicher Jugendzentrums Karo 11 zu hören ist. 18 Teilnehmer im Alter zwischen zehn und 45 Jahren sind damit beschäftigt, ihre persönlichen Kunstwerke auf die Leinwände zu bringen. Jugendliche wie Erwachsene sind voller Konzentration in die Arbeit vertieft.

Daniel (20 Jahre), Levin (14 Jahre) und Leon (elf Jahre) arbeiten gemeinsam an drei zusammengesetzten Platten. Ein riesengroßes "Freedom" in Gelb- und Grüntönen zeichnet sich auf dem blauen Untergrund ab. Für alle drei ist es der erste mehrtägige Graffiti-Workshop, den sie besuchen. Wobei es direkt ein ganz besonderes Angebot ist. Es geht nicht nur ums Sprayen an sich, sondern auch darum, sich kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen. Die Initiative LOT, der Arbeitskreis Fremde und das Karo11 haben zu dem Event eingeladen, bei dem Jugendliche und junge Erwachsene aus Willich gemeinsam mit den in der Stadt lebenden Flüchtlingen das künstlerische Arbeiten kennenlernen.

Die Idee dazu hatte Flüchtlingsbetreuerin Annedore Kirchner. "Mein Sohn arbeitet seit 15 Jahren als professioneller Graffiti-Künstler. Er hat in Duisburg schon Projekte mit Flüchtlingen umgesetzt, die gut angenommen wurden. Ich dachte mir, das können wir in Willich auch", sagt Kirchner. Sie stellte LOT und dem Arbeitskreis Fremde die Idee vor. Dort war man begeistert und holte als dritten Partner das Karo11 mit ins Boot, "weil das Jugendzentrum schließlich die Kontakte zu den Willicher Jugendlichen hat und zudem Räume zur Verfügung stellen kann", erläutert Kirchner.

Die Workshop-Plätze waren schnell belegt. Dalimot und sein Kollege Michael Verhoeven starteten den Workshop mit klassischen Dingen wie dem Zeichnen von Händen und Gesichtern. Die Teilnehmer fertigten erste Skizzen an, bevor der Einsatz von Spraydosen, aber auch feinerem Werkzeug wie Pinseln erfolgte. Zudem erarbeitete man gemeinsam ein Thema für die Bilder, die in diesem Fall alle unter dem Motto "Freiheit" stehen.

Dass Mohamad, Talal und Nesrin in ihrem Heimatland Syrien künstlerisch tätig waren, zeigen ihre Bilder. Die von Nesrin gesprayten und gemalten Gesichter haben eine Ausdrucksstärke, die jahrelange Erfahrung zeigt. Yasseen kann seinen Beruf ebenfalls nicht verleugnen. Der Iraker ist Maler. Aber auch die künstlerisch unerfahrenen Teilnehmer entfalten unter der Anleitung der beiden Profis erstaunliche Talente. Bei Avdi und Rakip fliegt ein Kolibri auf, und ein Stückchen weiter ist die Erde aus dem Weltall zu sehen. "Es macht viel Spaß", bemerkt Vijitha, die ebenfalls aus Eritrea kommt, während sie mit feinen Pinselstrichen auf der schwarz gesprühten Landschaft zartes Gras wachsen lässt. Mit Tamara (14 Jahre) und Maike (16 Jahre), die neben der jungen Frau sprühen, gibt es erste Gespräche über die Arbeit an den Bildern.

In den Pausen treffen sich die Teilnehmer an Kicker und Billardtisch, um eine Runde zu spielen. "Ich denke, dass wir in den drei Tagen wirklich Berührungsängste abgebaut haben", sagt Kirchner. Etwas, das Natalie Piepenbring vom Karo 11 ebenso sieht. Eins steht fest: Es sind fantastische Bilder entstanden, die in Kürze in einer Ausstellung zu sehen sein sollen. Aktuell sind die Organisatoren noch auf der Suche nach Räumen für eine Ausstellung, in der im Anschluss eine Versteigerung möglich ist. Die Arbeiten sollen zugunsten der Flüchtlingshilfe versteigert werden.

Quelle: RP
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