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Stadt Willich
Mit Worten das Schicksal beschwören

Stadt Willich: Mit Worten das Schicksal beschwören
Der bosnische Dichter Dervis Palic mit Töchterchen Uma vor dem Bücherregal in seiner Willicher Wohnung. Die Familie wohnt schräg gegenüber des ehemaligen Katharinen-Krankenhauses. FOTO: ACHIM HÜSKES
Stadt Willich. Zwei Gedichtbände hat der bosnische Autor bereits veröffentlicht: Dervis Palic, der seit neun Jahren in Willich lebt, freut sich auf seinen ersten Roman, der im Sommer 2016 erscheinen soll. Von Heribert Brinkmann

Im nächsten Jahr erscheint sein erster Roman. Einen Titel hat er noch nicht, vielleicht "Mensch ohne Schatten". Der Inhalt dreht sich um die Frage, was mit Menschen in extremen Situationen passiert. Es geht um Gewalt, Flucht und innere Emigration, um Menschen, die ihren Alltag verloren haben und gezwungen werden, sich neu zu orientieren. Im Blick hat Dervis Palic seine Heimat Bosnien.

Seine umfangreiche Bibliothek zu Hause ist verbrannt. Aber er floh nicht vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan, sondern er verließ seine Heimat aus Neugier. Als Autor im Exil kam er nach Deutschland, erst nach Ratingen und seit 2006 nach Willich. Jetzt wohnt er mit Frau, einer gelernten Englisch-Lehrerin, und Tochter Uma in einer Wohnung schräg gegenüber dem Katharinen-Krankenhaus. Ein Laden in der Bahnstraße führt ganz viele Koffer im Angebot. Doch Dervis Palic ist sesshaft geworden, er ist ein Beispiel für eine gelungene Integration. Seine Tochter hat einen deutschen Pass, er selber eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Um seine Familie zu ernähren, arbeitet er in einer Lackiererei in Osterath. Der Computer, auf dem er seine Texte schreibt, ist von jeder Menge Spielzeug umgeben.

Geboren wurde Palic im November 1966 in den Dörfern Radojcici bei Travnik in Zentralbosnien. Er las oft in der Bibliothek eines Franziskanerklosters. Er erzählt, dass er in der fünften Klasse Dostojewskis gefühlvollen Roman "Weiße Nächte" gelesen und die ganze Nacht danach geweint habe. Eine verständnisvolle Lehrerin gab ihm frei, damit er mehr lesen konnte, etwa "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi oder "1984" von George Orwell. Ein großes Idol für ihn ist der bosnische Literaturnobelpreisträger Ivo Andric (1892-1975). In seiner Heimat hat Dervis Palic zahlreiche Gedichte und Erzählungen für Radio, Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. In seiner deutschen Zeit veröffentlichte er Gedichte in zwei Bändchen, "Die Sprache des Lichtes" (1999) und "Hier ruht der Traum" (2001). Der Exilverlag "Bosnisches Wort" in Wuppertal brachte die Gedichte zweisprachig heraus, auf Bosnisch und Deutsch. Übersetzt wurden sie von Florian Knobloch, einem Deutschen, der in Kroatien aufwuchs und nach 1945 von den Kommunisten vertrieben wurde. In den 80er Jahren hat Knobloch in Düsseldorf die Sassafras-Lesungen organisiert. Über ihn hat Palic auch einmal Günter Grass kennengelernt.

Leider trüben einige Druckfehler, die dann doch in den Büchern entstanden sind, die Lektüre der deutschen Texte. Trotzdem merkt man auch den deutschen Texten die Sprachkraft und den Bilderreichtum des Autors an. So spricht er im Gedicht "Alte Brücke, Mostar" vom "Schatten des Neumondes" oder "Es erblüht die Wüste in mir" ("Der Morgen").

Der Grundton der Gedichte in beiden Büchern ist ein melancholischer. "Hundert Mal bin ich gestorben/Und hundert Mal werde ich sterben/bis zum Tode." Die Erinnerung an Tod und Not ist allgegenwertig, die verlorene Jugend, die Orgie der Gewalt, aber auch Erinnerungen an Menschen, die man einmal geliebt hat und gestorben sind. Aber es sind nicht nur die Menschen verschwunden, sondern auch die Hoffnungen und Zuversicht auf ein Morgen. "Hier ruht der Traum". Kunst wird dabei als eine Kur für die verletzte Seele eines ganzen Volkes verstanden. Der Dichter wird - etwas pathetisch überhöht - zu einem Krieger des Lichts: "Damit ein schweigsamer Dichter/Diese Lichtquelle in der Dunkelheit/Mit Versen/Ein Feuer bis zum Himmel entfacht."

Was sich Dervis Palic in seine neue Heimat gerettet hat, ist die großartige Gastfreundschaft der Bosnier. Wenn Besuch kommt, wird gekocht. Wenn man Glück hat, eine bosnische Pita, ein Blätterteig-Gericht mit Käse oder Hackfleisch gefüllt, oder dünne Scheiben Trockenfleisch. Gemeinsam sitzt man am Tisch und redet ohne Ende. Einen "Coffee to go" gibt es nicht, eher einen zum Bleiben: einen türkischen Mokka mit viel Kaffeesatz. So ein Kaffee ist dann "süß wie die Liebe, schwarz wie die Nacht und heiß wie die Hölle", lacht Dervis Palic und schenkt ein.

Quelle: RP
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