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Stadt Willich
Plädoyer für Toleranz und Offenheit

Stadt Willich: Plädoyer für Toleranz und Offenheit
Das Ensemble von "Ziemlich beste Freunde": Intendant Jan Bodinus (mit Hut) zwischen seinen beiden Hauptdarstellern Pierre Sanoussi-Bliss und Matthias Freihof - noch ohne Rollstuhl. FOTO: ACHIM HÜSKES
Stadt Willich. Jan Bodinus inszeniert für die Schlossfestspiele "Ziemlich beste Freunde" nach dem gleichnamigen Film. Es spielen Sanoussi-Bliss und Freihof, bekannt aus dem Fernsehen. Zur Generalprobe wurden Willicher Flüchtlinge eingeladen. Von Heribert Brinkmann

Intendant Jan Bodinus sah bei einer Londoner Theateraufführung schwarze Schauspieler in "weißen Rollen". Das hat ihn nachhaltig beeindruckt und auch gestern beim Pressegespräch im Neersener Schloss zu einer interessanten Diskussion geführt: Warum kann eine Asiatin bei uns nicht auch die Julia spielen? Warum werden im Fernsehen immer Türken als Gemüsehändler engagiert? "Wir müssen diese Klischees komplett aus unseren Köpfen wegschieben."

Für die erste Abendpremiere der Schlossfestspiele, eine Bühnenadaption des Kino-Erfolges "Ziemlich beste Freunde", hat Bodinus die Hauptrolle des Driss' mit Pierre Sanoussi-Bliss besetzt. Der Schauspieler, Sohn eines guineischen Diplomaten und einer damals in der DDR lebenden Lehrerin, hat in der ZDF-Serie "Der Alte" 18 Jahre lang den Assistenten Axel Richter gespielt. Auch im Film "Ziemlich beste Freunde" wird Driss vom dunkelhäutigen Schauspieler Omar Sy gespielt. Den gelähmten reichen Industriellen spielt in Neersen Matthias Freihof, der freimütig bekennt, den Film damals 2011/12 nicht gesehen und es jetzt auch nicht bewusst nachgeholt zu haben. Auch Freihof hat in vielen Fernsehserien mitgespielt, von "Marienhof" über "Küstenwache" bis zu SOKO und "Tatort".

Die Herausforderung dieser Rolle besteht für Freihof darin, dass er einen Mann spielen muss, der vom Nacken an gelähmt ist (Tetraplegiker) und an seinen Rollstuhl gefesselt ist. Dabei sei er ein Mensch, der beim Sprechen vieles mit den Händen unterstreicht. Es sei höchste Konzentration erforderlich, auf der Bühne im Rollstuhl ruhig zu sitzen. Kein Finger oder Zeh dürfe "zucken, wo nichts zucken darf". Er könne nur auf das Gesicht und die Stimme zurückgreifen - und das open air.

Die Geschichte von "Ziemlich beste Freunde" ist eine wahre Geschichte, zumindest basiert sie auf der Biografie des französischen Industriellen und Erben des Champagnerhauses Pommery, der beim Paragliding abstürzt und danach vom Hals ab querschnittsgelähmt ist. In seiner reichen Umgebung wird er wie ein rohes Ei behandelt, was ihn übellaunig werden lässt. Seine Pflegekräfte halten es nie lange bei ihm aus. Als er wieder einmal einen neuen Pfleger sucht, lernt er einen jungen Arbeitslosen kennen, der gerade sechs Monate im Gefängnis saß. Während es in der Biografie ein junger Algerier ist, setzt der Film auf einen schwarzen Schauspieler. Bodinus folgt dem Film darin. Auf der Bühne kann der Zuschauer mitverfolgen, wie zwei Welten aufeinanderprallen, wie vor allem aber beide voneinander lernen können und jeweils für sich neue Lebensfreude gewinnen. Aus dem Job wird eine lange Freundschaft. Jan Bodinus will das Thema des Andersseins witzig und rührend zugleich inszenieren und damit die Herzen der Zuschauer erreichen. Das Stück ist für ihn als Regisseur ein "wunderbares Plädoyer für Hoffnung, Toleranz und Offenheit."

Diese Offenheit und Toleranz sieht der Schauspieler Sanoussi-Bliss bei den öffentlich-rechtlichen Sendern im Fernsehen nicht gegeben. Es gebe 48 schwarze deutsche Schauspieler, aber die Programme seien "wie mit Persil gewaschen: rein weiß". Im Fernsehen werde "die Vielfalt dieser Republik" nicht gezeigt - oder wenn, dann nur als Problem. Das Neersener Festspielensemble dagegen setzt einen eigenen Akzent. Zusammen mit dem Arbeitskreis Fremde in Willich laden die Schlossfestspiele die Flüchtlinge und Asylbewerber ein, kostenlos die Generalproben zu besuchen. Bisher haben 30 bis 40 Interessenten zugesagt.

"Ziemlich beste Freunde" feiert am Samstag, 18. Juni, um 20.30 Uhr Premiere auf der Schlossbühne. 13 weitere Aufführungen werden bis zum 4. August angeboten. Die Karten kosten je nach Sitzreihe 18, 20 oder 22 Euro, an den Frei- und Samstagen 20, 22 oder 24 Euro. Die Theaterkasse der Schlossfestspiele hat die Telefonnummer 02156 949-132. Auch in den Stadtteilbüros und an den bekannten Vorverkaufsstätten können Eintrittskarten erworben werden.

Quelle: RP
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