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Stadt Willich
Politische Bildung hinter Gittern

Stadt Willich: Politische Bildung hinter Gittern
Dozent Uli Winkler spricht mit den Teilnehmerinnen über verschiedene Themen, die diese sich selbst aussuchen. Pro Kursus nehmen acht bis zehn Frauen teil. FOTO: JVA/Andreas Geihe
Stadt Willich. Seit 2012 bietet das Bildungswerk Stenden in Justizvollzugsanstalten in NRW politische Bildung für Strafgefangene an - so auch im Frauengefängnis in Anrath. Bisher haben knapp 50 Frauen das Angebot angenommen. Von Marc Schütz

Als "Wiederholungstäterin" bezeichnet sich die 56-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte, scherzhaft selbst. Damit spielt sie allerdings nicht darauf an, dass sie als verurteilte Straftäterin im Gefängnis sitzt, sondern darauf, dass sie bereits zum vierten Mal den Kursus "Politische Bildung" besucht. Den bietet die Justizvollzugsanstalt II, das Frauengefängnis in Anrath, in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk Stenden seit 2012 auf freiwilliger Basis an. "Ich gehe mit Freude dorthin, nehme immer etwas mit. Man bekommt mit, was draußen passiert", sagt sie.

Als "Fenster zur Welt" bezeichnet auch Sonja Schweizer, Leiterin des Bildungswerks Stenden, das ungewöhnliche Angebot, das an zehn Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen den Gefangenen gemacht wird. "Die politische Bildung ist wichtig für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Demokratie", sagt Schweizer. Deswegen habe man sich 2011 gefragt, wie man die Angebote des Bildungswerks auch denjenigen Menschen, "die nicht einfach so zu uns kommen können", zugänglich machen könnte: den Gefangenen. Auch als Antidiskriminierungsarbeit und Präventionsarbeit gegen extremistische Vereinnahmung sieht Schweizer das Angebot. "Demokratisches Verständnis schützt davor, extremistischen Meinungen aufzusitzen", sagt Sonja Schweizer.

Den Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt II in Anrath steht auch eine Bibliothek zur Verfügung. FOTO: Andreas Geihe

Die JVA II als einziges reines Frauengefängnis in NRW ist noch mal eine Besonderheit. Zwar erreiche man mit dem Angebot natürlich nicht alle Frauen in der Einrichtung, sagt Anstaltsleiterin Ulrike Böhm, doch würden die Teilnehmerinnen die Inhalte des Kurses durchaus an andere Gefangene weitertransportieren. "Die Frauen erleben, dass man als Frau nicht nur dazu da ist, sich hübsch anzuziehen, sondern sie lernen, sich als emanzipierte, politisch denkende und handelnde Frau zu verstehen." Vor allem für Inhaftierte, die am Rande der Gesellschaft stehen, sei das wichtig.

Und so gehört sachliches Diskutieren zu den drei mal im Jahr jeweils achtmal wöchentlich stattfindenden Kursen zwingend dazu - für manche der Teilnehmerinnen eine durchaus neue Erfahrung. Obwohl es nicht selten sehr unterschiedliche Ansichten zu den behandelten Themen gebe, seien die Diskussionen unter den jeweils acht bis zehn Teilnehmerinnen bisher immer ruhig und sachlich verlaufen, sagt die Teilnehmerin Bine B. "Eine Teilnehmerin zählte sich offen zur rechtsextremen Szene. Dennoch sind alle sachlich geblieben, wenngleich sich einige Teilnehmerinnen vehement gegen die Argumente der Dame ausgesprochen haben", erzählt Uli Winkler, der in der JVA II als freier Dozent für das Bildungswerk Stenden arbeitet. Vor allem habe er sich darüber gefreut, dass ihn die Rechtsextremistin am Ende des Kurses umarmt und sich bei ihm bedankt habe. "Vielleicht hat sie ja doch ein bisschen aus dem Kursus mitgenommen", sagt Winkler.

Winkler ist pensionierter Lehrer, war lange in der Willicher Kommunalpolitik aktiv und kennt den Strafvollzug aus seiner fünfjährigen Tätigkeit als Schöffe am Jugendgericht und seiner Mitgliedschaft im Justizbeirat des Männergefängnisses in Anrath. Als er vom Bildungswerk angesprochen wurde, ob er sich eine Tätigkeit als Dozent hinter Gittern vorstellen könne, schaute er sich das Angebot an, lernte seine Kollegen kennen, sagte zu - und hat es bisher nicht bereut.

Im Unterschied zum Unterricht in der Schule tritt er in der JVA nicht als Lehrer auf, sondern begegnet den Frauen auf Augenhöhe. Und die Teilnehmerinnen können sich selbst aussuchen, welche Themen sie gern behandeln würden. Aktuell ist die Flüchtlingskrise Thema, aber auch Griechenland, Sterbehilfe, Gewerkschaften oder der Strafvollzug im Allgemeinen wurden unter anderem schon behandelt. Was Winkler jedoch in jeder ersten Stunde verteilt, ist das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. "Der Katholik hat die Bibel, der Demokrat hat das Grundgesetz", sagt Uli Winkler.

Quelle: RP
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