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Stadt Willich
Reiten im Damensitz ist eine hohe Kunst

Stadt Willich: Reiten im Damensitz ist eine hohe Kunst
Bettina Keil-Steentjes im Damensitz in einer Uniform, wie sie die letzte deutsche Kaiserin Auguste Victoria Ende des 19. Jahrhunderts als Regimentschefin ehrenhalber trug. FOTO: KEIL-STEENTJES
Stadt Willich. Bettina Keil-Steentjes frönt einer ausgefallenen Passion: Die Reiterin setzt sich seit Jahren fürs Damenreiten ein. Das habe nichts mit Verklemmtheit zu tun, sondern mit Eleganz. Ganz praktisch geht sie auch die Sattel-Frage an. Von Heribert Brinkmann

Reiten im Damensattel? Das erscheint vielen heute als anachronistische, ja vielleicht sogar rückwärtsgewandte Aktion. Bettina Keil-Steentjes ist aber alles andere als ein Mensch, der vergangenen Idealen nachhängt. Vielmehr ist sie eine emanzipierte, moderne Frau - mit einem besonderen Anliegen. Sechs Jahre lang war sie Vorsitzende des Vereins fürs Damenreiten, hat in Aachen Turniere im Damenreiten organisiert. Warum? Ist das Unisex-Reiten im Herrenreiten nicht ein Fortschritt? Zuerst: Dass Frauen im Herrensattel reiten, ist gerade mal 100 Jahre her. Vorher war der Damensattel angesagt. Das war aber keine Schikane, kein Nachteil, sondern diente allein der Repräsentation. Wollen wir diese früheren Usancen wiederhaben? Bettina Keil sagt ja, zumindest als zusätzliche Option. Im Damensatttel zu reiten, ist für sie eine hohe Kunst, eine Form von Eleganz, die im Herrensitz verloren geht. Verloren geht aber nicht nur eine gewisse Art zu reiten, sondern auch immer mehr Wissen und handwerkliches Können. Hier ist das Interesse von Bettina Keil geweckt.

Beim Besuch bei ihr im Haus Krebs in Anrath führt sie irgendwann durch ihre kleine Werkstatt. Weil es immer weniger Handwerker gibt, die Damensattel herstellen können, ist sie selber aktiv geworden. Sie hat über drei Jahre hunderte Pferde vermessen lassen, die Daten im Computer gespeichert und einen neuen, eigenen Damensattel entwickelt. Um das Wissen nicht ganz verloren zu geben, arbeitet Bettina Keil gerade an einer Publikation zu diesem Thema. Aber sie formt und näht selber Sattel, hat sich eine Leder-Nähmaschine, Jahrgang 1928, angeschafft und versucht, Tradition und Fortschritt zu verheiraten. Da für das Sattel-Gestell niemand mehr Schmiedearbeiten herstellen kann, verstärkt sie den Sattel mittels Carbonfasern. Dass ein neuer Sattel aus reiner Handarbeit ab 3500 Euro kostet, verwundert dann auch nicht mehr. Für die Reit-Kostüme arbeitet sie mit einer englischen Näherin zusammen, die es versteht, mit den besonderen Stoffen aus dem United Kingdom umzugehen.

Aber was ist eigentlich ein Damensattel, was unterscheidet ihn vom Herrensattel? Im Damensattel reiten Frauen im Seitsitz, also mit beiden Beiden auf einer Seite des Pferdes. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts galt das noch als ladylike, war aber vor allem auch sicherer, weil der Damensattel zwei sogenannte Sattelhörner besitzt, die der Reiterin einen festeren Halt auf dem Pferd bot. Der Nachteil dieser Konstruktion: Zum Auf- und Absteigen braucht die Reiterin Hilfe. In feudalen Zeiten war das kein Problem, in bürgerlichen Gesellschaften aber schon.

Ist der Damensitz bloß ein Spleen? Oder wie kommt eine Frau von heute wie Bettina Keil-Steentjes dazu, diese alte Tradition wiederzubeleben? Die Nähe zu Pferden wurde ihr in die Wiege gelegt. Sie stammt aus einer Reiterfamilie, die in der Nähe von Frankfurt lebte. Als kleines Mädchen hörte sie den älteren Männern zu, die sonntags zu Besuch kamen und von ihren alten Zeiten in der Kavallerie erzählten. Damals erfuhr sie auch von Irmgard von Opel, der Enkelin des Gründers der Adam Opel AG, die in den 1930er Jahren als erste Frau am Springderby in Hamburg teilnahm und gewann. Der Kreis schloss sich, als Bettina Keil-Steentjes den alten Damensattel der "Super-Amazone" von Opel für ihre Sammlung erwarb. Für sie war es insgeheim der Auftrag, diese Tradition weiterzutragen und ins Heute zu retten. Nur: In den 1970er Jahren war der Damensitz völlig out. Doch je mehr sie sich selber damit beschäftigte, desto mehr ließ sie sich davon faszinieren. Sie findet diese klassische Art des Reitens einfach schön. Diese feine Art ist eine Steigerung reiterischen Könnens, auch eine sportliche Herausforderung. Der seitliche Sitz wirke elegant, grazil - wenn die Reiterin die Figur dazu habe. Eben weiblicher und sportlicher, weil es nicht darum geht, das Pferd zu beherrschen, es aber trotzdem zu lenken. Als Einzelkämpferin kommt man aber nicht weit, doch in der Reiterlichen Vereinigung für Damenreiten hat sie viele Mitstreiterinnen gefunden. Sechs Jahre lang war sie deren Vorsitzende. Inzwischen ist Bettina Keil-Steentjes ein wandelndes Lexikon. Sie scheint alles über Pferde, Sattel, Reiten zu wissen. Nebenbei erfährt der Besucher, wie sehr sich Pferde und Reiter verändert haben. Um 1920 musste ein Reitpferd kavallerietauglich sein, austauschbare Sattel wurden für "Einheitsrücken" gebaut. Heute ist Reiten ein Freizeitsport, ganz andere Pferderassen spielen eine Rolle. Die alten Sättel passen nicht mehr optimal, die Reiter sind größer geworden, die Frauen schlank und sportlich. Der Anspruch des Tierschutzes ist stärker geworden.

In ihrer Küche in Anrath ging es allerdings auch schon mal um ganz andere Pferdestärken. Ihr Mann, Paul Steentjes, war Creativchef von Werbeagenturen wie DDB und Publicis. In der Anrather Küche wurde nicht nur gekocht und gegessen, sondern auch über Werbung diskutiert, etwa über eine neue Golf-Kampagne.

Seit 17 Jahren lebt das Ehepaar in der ehemaligen Fabrikantenvilla, die der in Mönchengladbach ausgebombte Textilfabrikant Jakob Krebs 1949 in Anrath erbaute. Bettina Keil schätzt sich glücklich, im Rheinland, im Herzen des Reitsports, zu leben. In ihrem Heim hat sich das Ehepaar ein wahres Refugium geschaffen. Beide schätzen bei den Möbeln Art Deco, Frauenporträts und Pferdebilder an den Wänden verraten großen Kunstgeschmack.

Quelle: RP
 
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