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Stadt Willich
Religiöse Fragen und moderne Lyrik

Stadt Willich. Am Sonntag liest der Leipziger Pfarrer und Dichter Christian Lehnert in der Schiefbahner Hubertuskirche. Von Heribert Brinkmann

Das Dorngebüsch, das sich im Brennen nicht verzehrt und im Wind wurzelt: Bei dieser Gedichtzeile von Christian Lehnert denkt man sofort an den brennenden Dornbusch auf dem Berg Horeb, auf dem Gott Moses erschien. In der Natur findet Christian Lehnert zu Gott. Am Sonntag ist Lehnert, den die FAZ zu den besten deutschen Dichtern der Gegenwart zählt, in Schiefbahn zu Gast. In der kirchenmusikalischen Reihe der GdG Willich zur Passionszeit hat der Schiefbahner Kirchenmusiker Marcell Feldberg, der selber mehrere Gedichtbände veröffentlicht hat, den evangelischen Pfarrer und Lyriker aus Leipzig eingeladen, aus seinen Werken zu lesen. Lehnert wird nicht nur aus dem Gedichtband "Windzüge" lesen, sondern auch aus seinem Essay "Korintische Brocken" über den Apostel Paulus (St. Hubertus Schiefbahn, Sonntag, 20. März, 17 Uhr, Eintritt frei).

In einem Interview mit evangelisch.de beklagt Lehnert das "krasse Missverhältnis zwischen den vielen äußerlichen Aktivitäten unserer Kirche und ihrer inneren Armut und Dürre." Vielmehr solle sich die Kirche wieder auf ihr Herz besinnen, also Gottesdienst, Gebet, Spiritualität. Lehnert, 1969 in Dresden geboren, ist Sohn eines Medizinerehepaares. Er wuchs in der DDR systemkonform auf, war zwar getauft, aber Kirche und Glaube spielten in der Familie keine Rolle. Mit 15 zog es ihn plötzlich in die Kirche, er ging dabei dem Sog einer wahrhaftigen Sprache nach, die anders als im DDR-Alltag nicht opportunistisch mit zweierlei Zungen sprach. Er erlag der Wortgewalt Luthers. Später studierte er Theologie, wurde Pfarrer und leitet heute das Liturgiewissenschaftliche Institut an der Universität Leipzig. Sein eigener Lebensweg hat ihn vielleicht besonders empfänglich gemacht für die Geschichte vom Christenverfolger Saulus, dem vor Damaskus Christus erscheint. Saulus lässt sich taufen und nennt sich fortan Paulus. Als Apostel trägt er den christlichen Glauben nach Europa. Dem ersten Paulus-Brief an die Gemeinde in Korinth widmet Lehnert einen eigenen Essay, "Korinthische Brocken". Auf den Spuren des Paulus schlägt Lehnert eine Brücke von der frühchristlichen Gemeinde ins Heute. Und damals wie heute gilt für ihn: "Es gibt keine Verheißung". Er liest bei Paulus heraus, im Glauben immer wieder das Offene zu suchen. Gerade jetzt in der Passionszeit verweist Lehnert auf Paulus, der in seinem Brief der Gemeinde in Korinth klarmachen möchte, dass vor dem Osterereignis das Kreuz steht. Der 46-Jährige sieht die Kirche heute in einer Dürreperiode. Die Flucht in Events sei falsch, der Einzelne müsse sich öffnen, um Gott zu erfahren. Dieses Geschehenlassen könne individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Marcell Feldberg spielt bei dieser "Lesung mit Musik" an der Orgel Werke von Bach, Arvo Pärt und Improvisationen.

Quelle: RP
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