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Stadt Willich
Schlossfestspiele: Eindringliches Porträt des Mädchens Anne Frank

Stadt Willich: Schlossfestspiele: Eindringliches Porträt des Mädchens Anne Frank
Isabell Dachsteiner in den szenischen Lesung in Neersen. FOTO: W. KAISER
Stadt Willich. Charmant ist sie, diese Anne, pubertär oft - und doch erstaunlich reflektiert. Bei der szenischen Lesung "Das Tagebuch der Anne Frank" im Neersener Ratssaal zeigt Regisseur Sven Post von den "Jungen Schlossfestspielen" bewusst die jugendliche Seite der berühmten Tagebuchschreiberin. "Wir haben den Mutter-Tochter-Konflikt und die erste Liebe in den Mittelpunkt gestellt", sagt der Regisseur, der damit zeigt, dass das Leben mit all seinen Facetten weitergeht, auch wenn es in einem Versteck gelebt werden muss. Von Stephanie Wickerath

Zehn Lesungen für Schüler ab der achten Klasse haben Regisseur Post und Schauspielerin Isabell Dachsteiner in der Willicher Europaschule, im Tönisvorster Michael-Ende-Gymnasium und im Berufskolleg Willich in den vergangenen Wochen gehalten. Mit der Aufführung im Schloss Neersen endet die Reihe vorerst. Etwa 70 Zuhörer sind gekommen, um der gut einstündigen Lesung zu folgen. Fotos von Anne Frank und ihrer "Versteckfamilie", wozu neben den Eltern und der Schwester noch eine weitere Familie mit einem Sohn und ein alleinstehender Zahnarzt gehören, werden im Laufe der Lesung eingeblendet.

Zu Beginn gibt es einige Daten zur Situation der Juden in den 1930er Jahren. Post erwähnt dabei auch die Evian-Konferenz 1938, bei der der amerikanische Präsident Roosevelt Vertreter von 32 Staaten aufgefordert hat, die Einreise für deutsche und österreichische Juden in ihre Länder zu erleichtern. Bis auf die Dominikanische Republik aber lehnten alle Staaten das ab. Daraus einen Bezug zur aktuellen Flüchtlingssituation abzuleiten, liegt auf der Hand. "In den Gesprächen mit den Schülern nach der Lesung kam das Thema immer wieder auf", erzählt der Regisseur.

Bei der Lesung in Neersen, die überwiegend von Erwachsenen besucht wird, gibt es kein abschließendes Gespräch. Und so gehen die Zuschauer alleine mit ihren Gedanken nach Hause - einige in Trauer über den Verlust dieses fröhlichen, aufgeweckten und so talentierten jüdischen Mädchens, das im Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren wurde, 1934 in die Niederlande emigrierte und 1945 in Bergen-Belsen umgebracht wurde.

Die Schauspielerin Isabell Dachsteiner, bekannt aus vielen Rollen im Neersener Schlossfestspielensemble, haucht Anne Frank auf der Bühne Leben ein. Mit jugendlicher Leichtigkeit liest die 34-Jährige die Stellen, in denen Anne beschreibt, wie sie sich in Peter van Daan verliebt, der mit ihrer Familie im Hinterhausversteck lebt. Und mit viel pubertärerer Wut trägt sie die Stellen vor, in denen Anne beschreibt, wie unverstanden sie sich oft besonders von ihrer Mutter fühlt. Eindringlich sind die Szenen, in denen es um Annes Sehnsucht nach Freiheit, Leben und Vergnügen geht.

Und eben weil Isabell Dachsteiner diese Anne so glaubwürdig verkörpert, fällt den Zuschauern der Abschied schwer. "Auch in den Schulen haben manche gesagt, sie hatten gehofft, Anne überlebt", erzählt Sven Post. Da die Lesung sich aber an die Originaltexte aus dem Tagebuch hält, ist auch das Ende so bitter, wie es tatsächlich war: Nach mehr als zwei Jahren im Amsterdamer Hinterhausversteck werden die acht Juden im August 1944 verraten und von der SS abgeführt. Otto Frank, Annes Vater, ist der einzige, der überlebt. Er veröffentlichte das Tagebuch seiner Tochter und setzte ihr damit postum ein Denkmal.

Quelle: RP
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