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Stadt Willich
Spaß mit ziemlich besten Schauspielern

Stadt Willich: Spaß mit ziemlich besten Schauspielern
Szene aus der Generalprobe des neuen Stücks der Neersener Schlossfestspiele "Ziemlich beste Freunde" mit den beiden auch aus TV-Serien bekannten Hauptdarstellern Pierre Sanoussi-Bliss (links) und Matthias Freihof. FOTO: Achim Hüskes
Stadt Willich. "Ziemlich beste Freunde" nach dem gleichnamigen Film von Olivier Nakache und Eric Toledano feierte mit Pierre Sanoussi-Bliss und Matthias Freihof in den Hauptrollen Premiere bei den Schlossfestspielen Neersen. Von Heribert Brinkmann

Alles ist gut gegangen. Das Wetter am Samstagabend hat gehalten, die Premiere von "Ziemlich beste Freunde" ging glatt über die Bühne. Am Ende applaudierte das Premierenpublikum stehend. Die Rechnung von Intendant Jan Bodinus, der den Filmstoff für die Bühne adaptierte und das Stück inszenierte, ging auf. Er lieferte handwerklich sauber gemachtes Unterhaltungstheater, die beiden Hauptrollen war bestens besetzt, und vor allem Pierre Sanoussi-Bliss spielte sich in die Herzen des Publikums. Und auch Matthias Freihof hatte nicht nur gelernt, mit dem elektrischen Rollstuhl schwierige Wendemanöver auf der Bühne auszuführen, er hatte es auch geschafft, seinen Körper so unter Kontrolle zu halten, dass er als vom Hals ab vollständig gelähmter Mann glaubwürdig blieb. Freihof hatte bei dem Pressetermin freimütig darüber gesprochen, dass er gewohnt sei, stark mit den Händen zu reden. Und bei seinen Fernseh- und Filmdrehs komme es bei Nahaufnahmen sehr auf die Mimik an. Da sei Open Air-Theater doch etwas ganz Anderes.

Das Bühnenstück kommt mit wenigen Rollen aus, gespielt von fünf Schauspielern. Im Mittelpunkt stehen ganz die beiden Hauptrollen des reichen Behinderten Philippe und seines unprofessionellen Pflegers Driss. Vor allem Pierre Sanoussi-Bliss konnte seinen Part voll ausspielen. Ein respektloses Mundwerk, ein lockeres Körpergefühl - Sanoussi-Bliss kostete seine Rolle voll aus. Als Driss ließ er sich nicht von der luxuriösen Umgebung seines Auftraggebers einschüchtern, machte er der kühl-beherrschten Privatsekretärin Magalie unverhohlen den Hof und behielt stets eine innere Klasse, fernab von seiner Vergangenheit als Kleinkrimineller und westafrikanischer Migrant aus der Vorstadt. Einen Glanzpunkt setzte er, als er sich über den erlesenen Musikgeschmack von Philiippe lustig macht und passend zum "Hummelflug" von Rimski-Korsakow nach Insekten schlägt und tritt.

Dagmar Hurtak-Beckmann hatte die Rolle der Magalie kurzfristig übernommen und ihr wunderbar ein Profil gegeben als eine selbstbewusste junge Frau, die um ihre Wirkung weiß und sich nicht so ohne weiteres anbaggern lässt. Carole Schmitt spielte gleich drei kleine Rollen. Dank Kostüm und Perücken verwandelte sie sich von der überspannten Galeristin in eine routinierte Prostituierte, um dann am Ende als leibhaftige Eleonore, Philippes Sehnsuchtsprojektion in einem verschroben poetisierenden Briefwechsel, aufzutauchen und ein ziemlich neues Kapitel im Leben von Philippe anzudeuten.

Sven Post trat auch in mehreren kleinen Rollen auf. Am Ende zeigte er als ein Pfleger ganz in weiß das unsympathische Gegenbild zu Driss - und lieferte damit eine schlüssige Erklärung, warum der reiche Mann, der nach dem Unfall beim Paragliding an den Rollstuhl gefesselt ist, ausgerechnet diesen frechen Kerl anheuert. Dabei hatte sich Driss ja nur beworben, um mit einer Unterschrift unter die Absage sein Arbeitslosengeld holen zu können.

Diese Annäherung der beiden grundverschiedenen Männer aus verschiedenen kulturellen Welten ist das Schöne an diesem Stück. Dies gelang schlüssig auf der Bühne zu erzählen. Jan Bodinus hat auch ein Händchen für derben Humor, etwa als er Driss Philippe beim Rasieren ein Hitlerbärtchen stehen lässt und den Führer imitiert. Diese Szene erzählt der französische Film nicht.

Natürlich darf man den Film nicht mit der Aufführung auf der Bühne vergleichen. Aber mitunter gerät der subtile Pariser Humor des Films bei einer Freilichtaufführung unter den deutschen Holzhammer. Die Charaktere müssen für die Bühne eben mehr holzschnittartig angelegt werden, was leider manche Zwischentöne ausschaltet. Im Film ist das mangelnde Kunstverständnis von Driss auch eine soziale Frage, es ist Selbstironie im Spiel. Auf der Bühne in Neersen wird es zu einem einfältigen "Jeder ist ein Künstler". Trotzdem: Gut gespielt, gute Unterhaltung ja, aber es bleiben leise Zweifel, ob sich dieser Film mit den beiden heiklen Themen Behinderung und Migration für die Bühne eignet.

Quelle: RP
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