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Vor 70 Jahren Willich In Der Nachkriegszeit
Unsichere Zeiten

Willich. Für die Zivilbevölkerung hatte die rassistische Politik des NS-Regimes nach Kriegsende fatale Folgen: Vereinzelt versuchten befreite Zwangsarbeiter, sich für erlittenes Unrecht zu rächen. Von Hans Kaiser

Willich Sommer 1945: Der Krieg im Kreisgebiet ist zu Ende - doch Frieden und Sicherheit herrschen noch lange nicht. Zwangs- und Fremdarbeiter, die das NS-Regime vor allem aus dem Osten Europas zur Unterstützung der deutschen Kriegswirtschaft in den Landkreis Kempen-Krefeld verschleppt hat, sind nun auf freiem Fuß. Ein Teil von ihnen macht die Gegend unsicher und versucht, sich für erlittenes Unrecht zu rächen. Vor allem auf ihr Konto gehen in der Gemeinde Willich die vier Morde und die 40 schweren Verbrechen - meist Körperverletzungen und Vergewaltigungen - in den Monaten März bis August.

Die Wut der Fremden, die weit von der Heimat entfernt vor einem ungewissen Schicksal stehen, entlädt sich. Vielen ist es in den letzten Jahren schlecht ergangen, vor allem denen, die nicht beim Bauern untergebracht, sondern in einem Lager zusammengepfercht waren. Das rassistische Nazi-Regime hat sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt und auch äußerlich ausgegrenzt. Polnische Arbeiter hatten auf der rechten Brustseite (wo die Juden den Davidsstern aufnähen mussten) ein großes "P" zu tragen, Menschen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion das Kennwort "Ost". Sowjetischen Gefangenen wurde gemäß Erlass des Oberkommandos der Wehrmacht vom 20. Juli 1942 mit einer ausgeglühten Lanzette ein Erkennungszeichen in die linke Gesäßhälfte geschnitten. (Monate später hob man den unseligen Befehl wieder auf.) Von den mehr als drei Millionen gefangener Rotarmisten, die seit Beginn des Krieges am 22. Juni 1941 in deutsche Hände gerieten, hat die Wehrmacht in ihren Lagern 60 Prozent schlicht verhungern lassen.

Der deutschen Zivilbevölkerung war jeder Umgang mit den Fremden verboten, vor allem mit Polen und Russen. Wozu das führen konnte, zeigt in Willich der Fall des polnischen Kriegsgefangenen Ludwig Sczepaniak, der hier wegen seiner besonderen Tragik dargestellt sei: 1903 ist er als preußischer Untertan in Ostrowo in der Provinz Posen zur Welt gekommen und hat dort die deutschsprachige Schule besucht. Sein Großvater hat als Wachtmeister in der deutschen Armee des Ersten Weltkrieges gekämpft. Von Mentalität und Erziehung Deutscher, wird Ludwig Sczepaniak 1919 infolge des Versailler Vertrags Pole, folglich 1939 polnischer Soldat und bald darauf Kriegsgefangener der Wehrmacht. Das Krefelder Arbeitsamt teilt ihn dem Willicher Bauern Konrad Miertz zur Arbeit zu.

Seine Freizeit verbringt Sczepaniak mit "Volksdeutschen" - deutschstämmigen Umsiedlern aus dem besetzten Polen, die in Willich untergekommen sind. Durch sie lernt er eine deutsche Frau kennen - Käthe Stocks, Krefelder Straße 2. In ihrer Wohnung stattet er ihr in allen Ehren und im Beisein der Mutter samstagnachmittags einige Besuche ab; bis ein "pflichtbewusster" Bürger das kleine Glück denunziert. Sczepaniak, der sich als Deutscher fühlt, wird im April 1941 festgenommen und auf Anweisung der Gestapo-Außenstelle Krefeld in das KZ Buchenwald gebracht. Dort verliert sich seine Spur.

Diese Zusammenhänge muss man vor Augen haben, um die folgenden Ereignisse, die in Akten des Kreisarchivs nachzulesen sind, angemessen einzuordnen. Sie gehören zu einem Kapitel Willicher Nachkriegsgeschichte, das im Sinne ausgewogener Darstellung nicht unterschlagen werden darf.

Es ist Samstag, der 5. Mai 1945, und der Eisenbahner Hans Buschkötter, wohnhaft in Krefeld-Forstwald, will sich wie viele andere auch ein Zubrot verdienen: Er düngt ein Feld, das dem Willicher Bauern Heinrich Lange, Votzhöfe 40, gehört. Da kommt ein junger Russe auf ihn zu, 16 Jahre ist er wohl, und verlangt seine Uhr - sonst werde er ihn erschießen. Indes - eine Uhr besitzt Buschkötter schon lange nicht mehr, und der Russe zieht weiter, zum nächsten Bauernhof. Unterwegs trifft er auf einen zweiten Deutschen - den Krefelder Heinrich Hohl, 60 Jahre alt. Der Mann ist zwar im Rentner-Alter, aber beherzt: Als der Jugendliche ihn durchsucht, wirft er ihn zu Boden und verlangt die (nicht vorhandene) Schusswaffe. Auf dessen Flehen lässt er den Jungen wieder los, und der trollt sich in Richtung Ausländerlager im Krefelder Stahlwerk. Aber nicht lange, da kommt er zurück, begleitet von etwa 20 Mann, und die fragen nicht lange nach dem Richtigen, sondern schnappen sich den ersten, der ihnen begegnet. Das ist zufällig Heinrich Buschkötter, der immer noch auf der Lange-Parzelle Kunstdünger streut. Buschkötter bleibt zusammengeschlagen und von vier Messerstichen schwer verletzt zurück, und der Willicher Arzt Dr. Bönner lässt ihn nach St. Tönis ins Krankenhaus überführen.

Am 14. Juli 1945 fällt die Willicher Ärztin Dr. Änne Rütten einem Mord zum Opfer. Ihr Auto hat sie dem vielbeschäftigten Willicher Arzt Dr. Peter Zimmermann abgetreten, der gerade aus dem Krieg zurückgekommen ist. Ihre Kranken besucht sie deshalb mit dem Fahrrad. Gerade hat sie den Bauern Kluth am Forstwald besucht und behandelt. Die Rot-Kreuz-Binde am Arm, steigt sie wieder aufs Rad, um nach Schiefbahn zur Namenstagsfeier des Kollegen Dr. Karl Macke zu fahren. Da der ausgebaute Weg nach Holterhöfe sehr weit ist, benutzt sie auf der Fahrt durch die Münchheide den bedeutend kürzeren Feldweg, der am Mertenshof vorbei zur heutigen Bundesstraße 57 führt. Kurz darauf findet man sie mit einem Genickschuss tot im Feld auf dem Feldweg, der am Bauernhof Leven vorbeiführt und später "Anna-Rütten-Weg" genannt werden wird. Das Fahrrad ist verschwunden. Durch den Ort geht's wie ein Lauffeuer: "Fräulein Dr. Rütten ist von den Polen erschossen." Indes sind die Täter nie ermittelt worden.

Waren es wirklich Polen? Unweit des Tatortes befand sich damals noch ein Russen-Lager im Stahlwerk Becker; auch ein deutscher Täter kann nicht ausgeschlossen werden. Die Straßen wimmelten von wenig Vertrauen erweckenden Gestalten. Jeder wusste, dass die Ärztin sich während des Krieges aufgeopfert hatte, um den Kriegsgefangenen in verschiedenen Lagern ihre Hilfe zu bringen. Das Büschchen, vor dem sie ermordet wurde, sieht man, wenn man von der A 44 die Abfahrt Forstwald nimmt, auf der rechten Seite. Hier stand bis zur Erweiterung des Neubaugebietes ein hölzernes Kreuz.

70 Jahre nach dem Ende des Krieges sollten die damaligen Ereignisse Anstoß zu einem friedlichen Zusammenleben sein. Vor dem Hintergrund mancherorts zutage tretender Fremdenfeindlichkeit sollten sie mahnen, Menschen aus anderen Völkern und Kulturen nicht pauschal zu beurteilen, sondern in ihrer Eigenart und Vielfalt verstehen zu wollen.

Quelle: RP
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