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Stadt Willich
Vergebung macht Veränderung möglich

Stadt Willich: Vergebung macht Veränderung möglich
Pfarrer Lutz Aupperle vor der Tür, die in die Kirche der Justizvollzugsanstalt führt. Sie wurde von einem Gefangenen bemalt. FOTO: Wolfgang Kaiser
Stadt Willich. Mit dem Themenkomplex "Schuld und Vergebung" wird Lutz Aupperle jeden Tag konfrontiert. Er ist evangelischer Pfarrer im Gefängnis in Anrath. Von Bianca Treffer

Die Tür in der Anrather Justizvollzugsanstalt (JVA), die in die Kirche führt, ist ein wahres Kunstwerk. Statt der üblichen grauen Farbe ziert die doppelflügelige Tür ein großes Gemälde. Es handelt sich um das Bild "Das Mahl von Jesus mit den Sündern", das einer biblischen Geschichte aus dem Neuen Testament entstammt. Ein Gefangener malte es 1996 nach dem Original des katholischen Priesters Sieger Köder auf die Tür. "Damit begegnet mir das Thema Schuld und Vergebung jeden Tag auch bildlich. Es erinnert mich immerfort daran, dass jeder Christ Vergebung braucht. Für mich ist das elementar wichtig. Jeder trägt Lebensschuld und sollte niemandem mit moralischer Überlegenheit begegnen. Auch ich selber bin vergebungsbedürftig", sagt Lutz Aupperle. Dabei deutet der evangelische Gefängnispfarrer auf die Mitte des Bildes. An dem langen Tisch, an dem Jesus mit den Sündern eine Mahlzeit teilt, ist auch ein Pfarrer zu sehen. Aupperle beschreibt das Bild als Einstieg für sein eigenes Selbstverständnis, dass Menschen von Jesus auch Vergebung bekommen. Im Umkehrschluss heiße das aber nicht, dass ein jeder alles machen könne, weil ihm ohnehin vergeben werde.

"Vielmehr ist Vergebung die Ermöglichung von Veränderung. Eine Tat soll nicht ewig anhängen. In der JVA beschäftigen uns Schuld und Vergebung viel in den Gottesdiensten und persönlichen Gesprächen. Es ist sehr unterschiedlich, wie stark ein Mensch unter Schuld leidet. Manche verdrängen auch, bagatellisieren oder schieben die Schuld auf andere. Die Gewissen sind verschieden sensibel", sagt der Pfarrer. Die Gesprächsnachfragen seitens der Insassen sind groß. Vielen ist klar, dass sie im Gespräch mit dem Pfarrer als ganzer Mensch gesehen werden und nicht allein auf ihr Täterdasein reduziert werden. Hier erfolgt auch keine Verurteilung.

Aupperle hat bereits viele positive Veränderungen erlebt, bei denen die Zukunft nicht die Wiederholung der unguten Vergangenheit war. "Strafe in sich allein hat nicht die Kraft, Gutes zu bewirken. Deshalb braucht es zusätzlich zur Strafe ein Angebot von Unterstützung und Begleitung, das Menschen helfen kann, sich zu verändern", beschreibt es Aupperle. Schuld soll dabei nicht relativiert werden, sondern vielmehr geht es darum, die Unschuld zu relativieren. Strafe ist das Gegenteil von Vergebung. Aber wenn die Strafe abgesessen ist, kommt die Chance auf einen Neuanfang. "Quasi eine Prise Vergebung", sagt Aupperle, denn in der Regel sind Strafen befristet.

Ein Neuanfang ist schwer, denn die Gesellschaft hat Vorbehalte, und mit dem Ende einer Strafe ist die gesamte Geschichte noch lange nicht gegessen. Im Laufe seiner sechsjährigen Tätigkeit als Gefängnispfarrer konnte Aupperle feststellen, dass niemand zunächst gerne über seine Schuld und sein schlechtes Gewissen spricht. "Viele schämen sich für das, was sie gemacht haben. Schuld ist schambehaftet und hat viele Dimensionen", bemerkt der Pfarrer. Die Schuld bleibt zwischen Täter und Opfer häufig unbearbeitet. Vergebung vom Opfer könne man nicht erwarten, so Aupperle. Die Schuld gegenüber dem Opfer könne nicht ungeschehen gemacht werden. Schon gar nicht, wenn es sich um einen Tötungsdelikt handele, fügt der Pfarrer an. Dazu kommt bei vielen die quälende Schuld gegenüber der eigenen Familie. Der Täter hat sie sozial und in der Regel auch materiell in eine schwierige Situation gebracht und damit indirekt zum Opfer gemacht.

Eine weitere Ebene betrifft die Gesellschaft: "Ein Urteil ergeht im Namen des Volkes. Die Gesellschaft bestraft Normverletzungen, und Vergebung ist im Strafrecht nicht vorgesehen", sagt Aupperle. Hier stellt sich die Frage nach einer zweiten Chance nach einer Tat. Wenn sich die Menschen nicht von einem Straffälligen abwenden, ist dies in den Augen des Pfarrers eine Art praktische Vergebung. Vergebung fällt zwar nicht als Wort, aber die Tatsache, dass jemand zu einem Straffälligen hält, ist quasi die Übersetzung des Wortes Vergebung.

Die Frage, die gerade in der Seelsorge beschäftigt und in Gesprächen mit den Gefangenen zum Thema wird, ist die Frage der Vergebung durch Gott. "Menschen, die eine Beziehung zu Gott haben, bewegt die Frage: Ob Gott noch zu mir hält? Die Botschaft lautet Ja. Wie wichtig Gefangenen dies sein kann, merke ich an den vereinzelten Nachfragen nach einer Beichte", sagt Aupperle. Ausschlaggebend ist letztlich aber, ob Vergebung angenommen werden kann - und zwar sich selbst gegenüber. Vergebung sei für viele Gefangene ein großes Thema, so Aupperle. Aber eins müsse immer da sein, damit es zu solchen Gesprächen kommt: Vertrauen.

Quelle: RP
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