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0stern 2016 Schuld Und Vergebung
Wenn Kinder und Eltern nicht miteinander reden

Willich. Die Tönisberger Autorin Dorothee Döring und ihr Buch "Späte Versöhnung" über die Aussöhnung mit den alten Eltern. Von Heribert Brinkmann

TÖNISBERG In ihrem Buch "Späte Versöhnung" versucht Dorothee Döring, nicht parteiisch zu sein. Sie kennt beide Seiten - aus Seminaren und Selbsthilfegruppen, aber auch aus der eigenen Familie. Doch die Autorin aus Tönisberg. die seit 14 Jahren als Lebens- und Konfliktberaterin arbeitet, ist von der Möglichkeit zur Versöhnung überzeugt - übrigens nicht nur zwischen alten Eltern und ihren erwachsenen Kindern, sondern auch in jeder Partnerschaft. 2013 kam Dörings Buch "Späte Versöhnung" im Schweizer Paulus Verlag heraus. Von ihren Büchern ist es das gefragteste, mit diesem Buch wird sie zu den meisten Lesungen eingeladen.

Bei ihrem Besuch in der Redaktion erklärt Döring, dass Versöhnung nicht nur christlicher Auftrag, sondern praktizierter Selbstschutz und eine wirksame Form von Seelenhygiene, die beide Seiten befreit, ist. Aus der Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern - verstoßene Großeltern" kennt sie die Seite der Eltern, die den Kontakt zu den Kindern verloren haben, denen die Enkelkinder entzogen werden. Durch eine Vielzahl von Seminaren kennt Döring aber auch die Klage der Kinder über erfahrene Kränkungen und Verletzungen durch die Eltern. Dorothee Döring, mit Jahrgang 1949 bereits ein Nachkriegskind, kennt aber aus der eigenen Familie die Probleme zwischen den Generationen. Sie wuchs auf mit Elternsprüchen wie "Nimm dich nicht so wichtig" oder "davon stirbst du nicht". Die Traumata des Krieges als Soldat oder als Opfer der Bombennächte wurden nie aufgearbeitet. Und auch die "schwarze Pädagogik" der 50er und 60er Jahre, die Wert auf Ordnung, Disziplin und Sauberkeit legte und oftmals brutal und autoritär den Willen des Kindes brechen wollte, spielte den Eltern zu. Sogar die Kirchen machten in dieser Richtung mit: "Wen Gott liebt, den züchtigt er".

Ein Ansatz für Kinder, über diese frühe Prägung nachzudenken, ist die Biografiearbeit, die hilft, zu relativieren. Wer sich in das Leben der Eltern einfühlt und herausfindet, was sie geprägt hat, was ihnen wichtig war, kommt einen Schritt zum Verständnis näher. Erste Konfrontationen haben meistens nicht gefruchtet. Die angegriffenen Eltern reagieren mit Unverständnis. Dann fällt oft das Wort von den "undankbaren Blagen, für die man sich aufgeopfert haben." Es sind gerade starke und dominante Väter und Mütter, die Kinder keinen Raum lassen und nicht loslassen können. Die Kinder fühlen sich erdrückt und bevormundet. Anstatt die Perspektive zu wechseln, fühlen sich die Eltern angegriffen, die Kinder unverstanden - die Trennung ist dann die Kapitulation. So nennt es jedenfalls Dorothee Döring aus ihrer Erfahrung. Das Problem ist weit verbreitet - wie das große Interesse am Buch und den Seminaren zeigt. Die meisten Betroffenen schämen sich, darüber zu sprechen. Das Thema ist scham- und schuldbehaftet. Die Teilnehmer an Selbsthilfegruppen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Autorin sieht aber auch, wie sich Handlungsmuster in Familien weitervererben. Die Forschung bestätige, dass psychische Belastungen transgenerational vererbt werden. Viele Konflikte werden in der Gesellschaft und in der Familie nicht ausgetragen. Mit Konflikten umzugehen, wird in den meisten Familien nicht geübt. Der naheliegende Kontaktabbruch ist für Döring aber nur eine Scheinlösung.

Wer sich allerdings selbst nur in der Opferrolle sieht, leidet nur und kann nicht sein Leben gestalten. Zur Verständigung gehört die eigene seelische Souveränität. Als Einstieg hilft der Gedanke zum Rollentausch und der Schlüsselsatz: Was haben die Eltern denn gut gemacht? Es gibt Kinder, die als Senioren immer noch mit ihren bereits verstorbenen Eltern hadern. Jeder ist für sich selbst und sein Leben verantwortlich.

Der alten Generation fällt es äußerst schwer, sich zu entschuldigen. Viele sind erst auf dem Sterbebett dazu in der Lage, die Worte "Es tut mir leid" über die Lippen zu bekommen. Das christliche Gebot des Vergebens und Verzeihens wird - so Döring weiter - von der Glücksforschung in der modernen Psychologie unterstützt: "Grollen ist Gift, das die Menschen krank macht." Versöhnlich leben kann die beste Medizin sein - für beide Seiten.

Das nächste Buch, das von Dorothee Döring im Herbst erscheint, ist das 30. Es handelt vom "unsichtbaren Schmerz" durch Lebenswunden wie Verlassen werden, Demütigungen, Verrat und Ungerechtigkeiten. Kurz darauf folgt das Buch "Die Eltern in mir. In Harmonie mit dem Elternschatten leben".

Dorothee Döring, Späte Versöhnung. Auseinandersetzung und Aussöhnung mit den alten Eltern. Paulusverlag Freiburg/Schweiz. ISBN 978-3-7228-0842-0, 151 Seiten, 18 Euro.

Quelle: RP
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