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Wülfrath
Boogie-Woogie ist wie ein 800 Meter-Lauf für Musiker

Wülfrath: Boogie-Woogie ist wie ein 800 Meter-Lauf für Musiker
Jörg Hegemann und Stefan Ulbricht spielten im Kommunikations-Center Schlupkothen Boogie Woogie. FOTO: D. J.
Wülfrath. Die Leute hingen an den Kronleuchtern. Ganz so fühlte es sich jedenfalls an, als sich jener Bewusstseinszustand breit zu machen begann, den der Boogie-Woogie herauf zu beschwören vermag. Es einen Rausch zu nennen, wäre zu heikel. Das Phänomen gleicht vielmehr einem Fluss, mit dem man wie Sawyer und Finn auf dem Mississippi davon schwebt. Von Lars Mader

Jörg Hegemann ist Stammgast im Kommunikations-Center, ein Superkönner an den Tasten und vor allem ein Traditionsbewahrer. Nimmer wird er müde, dem Publikum die Werke seines Idols Albert Ammons näher zu bringen. Mitunter versucht der Wittener gar, dieses kreative Schaffen fortzuführen, indem er kompositorische Fragmente des jungverstorbenen Amerikaners in dessen Stil zum Leben erweckt. Mit rund hundert Woogies war der Kalkstädter Auftritt ein weiteres Mal ausverkauft. Vom ersten Takt wurde ihnen allerhand geboten, denn Boogie ist so etwas wie die Hochleistungsdisziplin des Blues und schweißtreibend wie ein 800 Meter-Lauf für Musiker.

Regelrecht atemlos nutzte Hegemann die Ansagepausen zwischen den Stücken zur Regeneration. Mitgebracht hatte er einen zweiten Giganten des Fachs, den Siegburger Stefan Ulbricht. Die beiden spielten das ein oder andere Duett, doch als besonders aufschlussreich bei diesem Doppelkonzert bot sich der Kontrast der Spielarten an, den ihr Wechsel am Piano enthüllt. Hegemann treibt den Klangkasten mit Innigkeit wie eine Verlängerung seiner Finger an. Und je mehr Kohle er hinzuschippt, desto stärker glühen die Saiten.

Die Musiker hatten die Abdeckung des Klaviers abgenommen, um das emsige Arbeiten der Hämmerchen auch augengerecht zu demonstrieren. Ulbricht, der seine Tätigkeit als Pianist weniger als Arbeit ansieht, nutzt das Instrument als Spielgerät. Er weiß, wo er es kitzeln muss, damit das Klavier losprustet. Bei ihm scheinen oft die Extreme durch; die Tiefen und Höhen, eben jene Effekte, die Aufsehen erregen. Passend zu seinem schillernden Spiel und dem Scharlach-Klavier trug er wie ein Pianopapst rotes Schuhwerk. Hausherr Bernd Kicinski, der sich nur zu gerne bei jedem Gastspiel eine kleine Nebenrolle ins dargebotene Stück schreibt, kam als Oberkellner zu Maestro Ulbricht auf die Bühne gesprungen und servierte nach dessen musischem Kraftakt ein stilechtes rotes Schweißtuch.

Die Hörerschaft schwang unentwegt mit, als säße sie in einem kleinen Kahn auf offenem Ozean. Die Anhänger dieser betörenden Musik sind treu und gar nicht so selten wie das heimliche Zutagetreten der Szene in der Öffentlichkeit vermuten lässt. Und sie geben sich derart enthusiastisch, dass Kicinski in der Kulturkathedrale vorsorglich gar keine Kronleuchter installiert hat.

Quelle: RP
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