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Wülfrath
Das Ende von "Rheinkalk"

Wülfrath: Das Ende von "Rheinkalk"
Das Werk Flandersbach FOTO: LWE
Wülfrath. Seit über 120 Jahren wird Kalk in Wülfrath abgebaut. Rheinkalk und Wülfrath, das war lange eins. Der belgische Eigentümer Lhoist setzt mit Strategie- und Personalveränderungen seit einiger Zeit auf Internationalisierung. Der Name Rheinkalk wird wohl bald verschwinden. Auf den Straßenschildern ist er es schon. Von Uwe Reimann

Der König kam, aber die Straßenschilder verschwanden. Als König Philippe im März Wülfrath besuchte, wurden hastig alle Straßenschilder überklebt: Lhoist statt Rheinkalk stand ab sofort überall drauf, der Mutterkonzern zeigte Flagge. Doch das Verschwinden von "Rheinkalk" in Wülfrath hat viel früher begonnen und erfährt mit den neuesten Personal- und Strategieänderungen neue Nahrung.

Werksleiter Ingo Stolzheise musste in dieser Woche gehen. Auch Dr. Burkhard Naffin, Geschäftsführer Vertrieb, wird gehen. Zwar gibt es einen neuen Werksleiter mit Thomas Perterer, doch der fundamentale Unternehmensumbau ist noch lange nicht zu Ende. Nach RP-Informationen wird die erst Anfang August vorgenommene Zusammenlegung der bislang eigenständigen Betriebsstätten Werk Flandersbach und Hauptverwaltung zu einem Rheinkalk-Unternehmen weiterentwickelt. In Deutschland sollen nur noch drei Regionen Zentral, West (mit Flandersbach) und Süd unter der belgischen Mutter zusammengefasst sein. Dann wäre Wülfrath nur noch reine Produktionsstätte ohne Verwaltung. Es soll lediglich drei so genannte Cluster bei Lhoist in Deutschland geben, erfuhr die Redaktion. Das wäre das Aus des Markennamens Rheinkalk. Wülfraths Rheinkalkgeschichte wäre zuende, nur die Lhoist-Produktionsstätte ginge weiter.

Das Herz habe man Wülfrath 1997 mit dem Wechsel zu Lhoist bereits herausgerissen, nun werde das Beatmungsgerät langsam abgestellt, sagt ein Lokalpolitiker. Wülfrath hätte ohne Verwaltung auch keine Deutschlandzentrale mehr. Das werde dann alles aus Belgien gesteuert, heißt es in der Stadt. Untrügliches Zeichen: Die schicke Verwaltungszentrale am Kalkstein ist schon mehr als die Hälfte leergezogen, dort residiert mit den Rest-Kalkern bereits eine Familienholding. Das Ende begann früher, wurde spätestens im März 2014 offensichtlich. Vincent Dujardin war neuer Chef bei Rheinkalk Deutschland in Wülfrath geworden. Der 46-Jährige war vorher bei Lhoist in Nordamerika. Dujardin ist seitdem Vorsitzender der Geschäftsführung in Deutschland. Es war das Ergebnis einer neuen Struktur der Lhoist-Gruppe: Dujardin übernahm als Vice President und Managing Director die Lhoist Western Europe (LWE), die aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden besteht. Die Internationalisierung ging die entscheidenden Schritte. Zwar sagte man in der Konzernspitze beim Besuch des NRW-Wirtschaftsministers im Herbst 2014 artig die Treue zum Standort zu. Mehr aber auch nicht, denn da weiterproduziert werden soll, versucht sich das Unternehmen mit Wünschen für den neuen Regionalplan zu sichern. Neue Untersuchungen hätten ergeben, dass man mehr Abbaufläche benötige, weil die Reserven sonst in 24 Jahren erschöpft seien, teilte das Unternehmen im Frühjahr mit. Statt 24 will man 50 Jahre fördern. Das Unternehmen will mehr Abbaufläche, die Verlegung von Straßen und den Erhalt einer Halde. Die Stadt möchte kooperieren, aber in der Politik regt sich die Forderung nach Zugeständnissen. So will man in den Verhandlungen zur Sprache bringen, ob Lhoist das kleine Wülfrath nur noch als Abbauort sehe und ansonsten die alten, engen Verflechtungen zwischen Rheinkalk und der Stadt kappe. Denn: Die vielen Personalwechsel der jüngsten Zeit bestätigen viele Beobachter in ihrer Annahme, dass in dem belgischen Unternehmensteil in Wülfrath nicht nur Lhoist draufstehen, sondern auch Lhoist drin sein soll. Kenner sagen, das Wülfrather Führungspersonal werde schrittweise ausgewechselt. Die Belgier übernehmen mehr und mehr das Kommando.

In der Stadt keimen Befürchtungen: Rheinkalk hat Jahrzehnte soziale und kulturelle Einrichtungen sowie Sportvereine unterstützt. Ob die Spenden aus dem Nachbarland weiter fließen werden, fragen sich viele. Weitaus bedrohlicher könnten aber die Folgen für die Gewerbesteuer werden. Lhoist als Weltmarktführer in der Kalksteinbranche kann kaum neue Kunden akquirieren, die industrielle Produktion wird Umsatz- und Gewinnsteigerungen nicht zulassen. Höhere Effizienz und Überschüsse sind lediglich mit Einsparungen und Steueroptimierungen möglich. Die Frage ist: Wo zahlt Lhoist dann einmal seine Steuern? Noch in Wülfrath, der alten Heimat von Rheinkalk?

Quelle: RP
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