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Wülfrath
Ein Abend mit Vorleser Schoenen im Morgenland

Wülfrath. Drei Geschichten zupfte Märchenwühler Josef Schoenen für seine orientalische Lesung im Café Schwan aus der augenscheinlich recht misogynen Erzählsammlung "Tausendundeine Nacht". Von Lars Mader

Erstmalig mit einer autoritätsfördernden Lesebrille ausgestattet, brachte er zunächst die Rahmenhandlung über den Sultan von Samarkand Schahrayar in Erinnerung. Der ließ aus persönlichem Verdruss Frauen, die in den Geschichten auch gerne "Herznahrung" genannt werden, am laufenden Bande hinrichten. Die Tochter seines Wesirs Scheherazade, die nicht nur "schön wie der Morgentau", sondern auch klug und geistreich war, rückte dem Tyrann durch eine geduldig-kreative Gesprächstherapie den Kopf wieder gerade.

Mit ihren beiden gleichnishaften Humoresken "Der Mensch als Esel" und "Eine reichlich fettige Geschichte" richtete Schoenen, dessen Vater einst aus Arabien gekommen war, den Blick der gebannten Zuhörer gen aufgehende Sonne. Die phantasiegeladenen Stimmung verleitete alsbald Caféinhaberin Renate Weisemann dazu, selbst einmal ein Histörchen hervorzukramen - nämlich jenes, das erklärt, warum in Wülfrath täglich um neun Uhr abends die Kirchenglocke läutet. Wer noch nicht davon gehört hatte, staunte, dass das Geläut bereits seit dem großen Stadtbrand im 17.Jahrhundert die Mahnung der Kalkstädter Pfarrer bedeutet, nun unverzüglich jedes offene Feuer zu löschen. Schoenens eigenkomponierten musikalischen Umspielungen, die er auf der klassischen Gitarre und der stilechten Kalimba intonierte, klangen gleichwohl eingängig wie stimmig.

Fast glaubte man Sufis die Darabouka-Trommeln schlagen zu hören oder einen Schlangenbetörer bei der Flötentrance zu belauschen. In der leicht vertrackten Geschichte "Von der Sklavin, dem Fischer und dem Kalifen" geht es um verhinderte Liebe; der Ort der Handlung ist diesmal Bagdad. Dort gibt es Menschenhändler; die Hörer lernten die bei den Herrschern beliebte Bastonade kennen (100 Strafhiebe auf die baren Fußsohlen) und es blüht viel, viel Eifersucht.

Die Sorge aber, der zauber- wie schauervolle Erzählfluss könnte einmal versiegen, nahm Schoenen seinem Publikum mit Sicherheit: "Es sind noch Geschichten für 300 oder 400 solcher Abende übrig." Zunächst soll es jedoch im Café Schwan am Mittwochabend, 14. Dezember, so versprach Schoenen, "eine volle Ladung Weihnachtsgeschichten" geben.

Quelle: RP
 
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