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Wülfrath
Ein halbes Jahrhundert "Weiße Riesen"

Wülfrath. Die zwei Hochhäuser in der Ellenbeek prägen seit den 1960er Jahren das Stadtbild. In einem sind es Sozialwohnungen, im anderen Eigentumswohnungen. Bei einer Spurensuche trafen wir den damaligen Architekten und einen der ersten Mieter, dessen Vater die Wohnung kaufte. Von Sabine Maguire

Im Hause Löhberg gab es vor mittlerweile 50 Jahren große Pläne. Man wollte eine Eigentumswohnung kaufen.

Derweilen lagen bei Harry Kinder allerlei Architektenentwürfe auf dem Tisch. Der Wülfrather Investor wollte in der Ellenbeek bauen. Drei Häuser, 213 Wohnungen: Das war der Plan.

Als Horst Löhberg und Harry Kinder sich zum ersten Mal begegneten, war der eine gerade 15 Jahre alt geworden und durfte den Vater zu den Kaufverhandlungen begleiten. Einziehen sollte damals noch die Tante, mittlerweile wohnt er selbst an der Wilhelmstraße 27. "Badewanne mit Balkon" - so nennt Horst Löhberg (65) humorvoll sein kleines Appartement in der dritten Etage in einem der beiden weißen Hochhäuser in der Ellenbeek. Als Vater und Sohn damals gemeinsam durch die Prospekte blätterten, war Harry Kinder (heute 89) als noch junger Bauherr gerade aus Paris zurückgekommen. "Die Bauweise war in den 1960er Jahren für hiesige Verhältnisse noch sehr ungewöhnlich. Ich wollte mir dort anschauen, wie es funktioniert", erinnert er sich.

Als dann später an der Ellenbeek die ersten Bauteile angeliefert wurden, lief alles wie am Schnürchen. Die Stahlwände wurden hochgezogen und mit Beton gefüllt. Derweilen wurden auf dem Spielplatz direkt nebenan die Deckenplatten gegossen. "Das war alles Zentimeterarbeit", blickt Harry Kinder zurück auf den Neubau in einer Zeit, in der die Klagen über den Mietwohnungsmangel an der Tagesordnung waren.

Immer wieder hatte das Problem auf der Agenda diverser Ratssitzungen gestanden. Beinahe 500 Wülfrather Familien suchten ein preiswertes Domizil. In der Ellenbeek war Harry Kinder nicht der einzige, der im Jahre 1965 den Grundstein für Hochhäuser legte. Auch die Kalkwerke bauten dort für ihre Mitarbeiter. Dass Kinder am Ende nicht drei, sondern nur zwei Hochhäuser baute, war nicht seine Entscheidung. Die Grundstücke für die beiden "weißen Riesen" hatte er von der Stadt gekauft, mit dem Grundstück für das dritte Haus gab es offenbar andere Pläne. Eines der Häuser wurde mit Landesmitteln als sozialer Wohnungsbau gefördert. In das andere hatten sich neben Familie Löhberg noch 79 andere Eigentümer eingekauft. Auch Bauherr Harry Kinder selbst, der dort bis heute zwei Wohnungen besitzt.

Wie so oft, blieben Überraschungen auf der Baustelle nicht aus. "Wir haben für die Tiefgarage keine Gründung gefunden", erinnert sich Kinder an den etwas holperigen Baubeginn. Deshalb sei damals kurzerhand entschieden worden, aus den geplanten 60 Stellplätzen insgesamt 120 auf zwei Etagen zu machen. Danach ging alles recht flott. Im Mietshaus waren die 72 Verträge schon unterschrieben, bevor die letzte Decke eingezogen wurde. Ähnlich gut lief es bei der Vermarktung der Eigentumswohnungen. "Mit 700 D-Mark pro Quadratmeter waren sie relativ günstig", glaubt Harry Kinder.

Das sieht auch Horst Löhberg so. Über all die Jahrzehnte hinweg befand sich sein Appartement im Familienbesitz, seit zehn Jahren bewohnt er es mit Unterbrechungen selbst. Und nicht nur das: Zwischenzeitlich war er Vorsitzender im Eigentümerbeirat. Dort dürfte er hin und wieder auch Harry Kinder begegnet sein, dem das Haus bis zum Verkauf im Jahre 2008 gehörte. Damals hielt sich hartnäckig die Befürchtung, Kinder wolle an "die Russen-Mafia" verkaufen. Darüber kann der alte Herr heute nur den Kopf schütteln. "Der Besitzer ist ein seriöser Münchener Investor", stellt er klar.

Für Horst Löhberg spielt all das kaum eine Rolle. Er schätzt die zentrale Lage seines Domizils, obwohl er durchaus einräumt: "Beim Kauf einer Eigentumswohnung verliert man die Herrschaft über seine Geldbörse." Der Einbau einer neuen Heizungsanlage oder die Erneuerung der Fassade: All das wird in der Eigentümerversammlung entschieden. So manch einen Entschluss kann Löhberg nicht nachvollziehen: "Geht es um Kabelfernsehen, wird sofort zugestimmt. Für einen barrierefreien Eingang kämpfe ich bis heute."

Dabei wäre der durchaus angebracht, da viele Bewohner quasi mit dem Haus älter geworden sind. Schade findet er auch, dass es ringsum immer stiller wird. Schon vor zwei Jahren schlossen sich die Aldi-Türen, im vergangenen Herbst folgte die Filiale der Kreissparkasse. Verkaufen will Horst Löhberg sein Appartement dennoch nicht: "Für den Preis kriegt man in Oberkassel noch nicht mal eine Garage." Außerdem könne es nicht schaden, dass der Pflegedienst und die Feuerwehr direkt in der Nachbarschaft seien, kommentiert er humorvoll seine Entscheidung. Und irgendwie hängt seit 50 Jahren eben auch sein Herz an seiner "Badewanne mit Balkon".

Quelle: RP
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