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Wülfrath
Heimatbund Wülfrath löst sich auf

Wülfrath. Der Verein wurde 1956 gegründet. Nach 60 Jahren ist nun Schluss. Die meisten Mitglieder waren mehr als 80 Jahre alt. Der ehemalige Vorsitzende sagt: "Wer betreibt denn noch Geschichtsforschung?" Von Sabine Maguire

"Kleine Stadt im Tal dort unten, Wiege meiner Ahnen du. Wo ich weile auch im Leben, dir fliegt meine Sehnsucht zu..." Es klingt Wehmut mit, wenn Ralf-Robert Atteln die ersten Zeilen aus dem Gedicht von Marianne Tiefenthal zu Gehör bringt. Für den Vorsitzenden des Heimatbundes ist die Hommage der Wülfratherin an ihre Heimatstadt auch ein Kapitel der eigenen Lebensgeschichte, das er kürzlich zuschlagen musste.

Über viele Jahre hinweg war Atteln Vorsitzender des Heimatbundes, den er nun kurz vor dem 60-jährigen Vereinsbestehen auflösen wird. Schon als 14-Jähriger hatte ihn sein Vater, der damals zu den Vereinsgründern gehörte, zur Jahreshauptversammlung mitgenommen. Das Heimatgefühl lebte am heimischen Küchentisch und es ist bis heute tief in der Familie Atteln verwurzelt. Man mag nur erahnen, welche Gefühle nun mitschwingen beim Gang zum Amtsgericht, wo Ralf-Robert Atteln den Verein auflösen wird. Seit langem stand das Ende im Raum, immer wieder wurden im Vorstand mögliche Alternativen diskutiert.

Man kam zu keinem Ergebnis, mit dem man das Ruder noch hätte herumreißen können. "Bei den Wahlen im nächsten Jahr hätte keiner mehr für den Vorstand kandidiert", schaut der Vorsitzende in eine düstere Zukunft, die er dem Verein unbedingt ersparen wollte. Eine Auflösung von Amtswegen, bei der andere das Sagen haben? Für Ralf-Robert Atteln war das keine Option, er wollte die Sache in geordneten Bahnen und in Eigenregie zu einem guten Ende bringen. Man zweifelt keinen Moment daran, dass er es gern anders gehabt hätte. Und er selbst macht keinen Hehl aus seiner Befürchtung, dass sich zukünftig kaum noch jemand darum scheren könnte, ob irgendwo mal wieder ein altes Stück Wülfrath verschwindet. "Wer betreibt denn noch Geschichtsforschung", schaut er resigniert auf eine Welt, die inmitten von Momentaufnahmen und Selfie-Wahn ihre eigenen Wurzeln zu verlieren droht.

Hinzu komme auch, dass es zunehmend am Gemeinsinn fehle, der Menschen früher dazu bewogen habe, sich in einem Verein zu engagieren. Große Entwürfe, über Monate und Jahre hinweg verfolgt - das sei nichts mehr, wofür man heutzutage noch Mitstreiter gewinnen könne. Gehe es hingegen um kurzfristiges Engagement, habe man durchaus bessere Chancen. Dass der Heimatbund wirklich fehlen wird, glaubt Atteln hingegen nicht.

Zwar habe es zuletzt immer noch mehr als hundert Mitglieder gegeben, die meisten allerdings sahen sich eher als passive Unterstützer. Hinzu komme, dass dem Verein im Laufe der Zeit seine originären Aufgaben verloren gegangen seien. "Die aktuellen Themen sind schon ziemlich früh an den Bürgerverein übergegangen", erinnert sich Ralf-Robert Atteln an dessen Gründung. Es folgte die Denkmalschutzgesetzgebung, die selbige in die Hand der Kommunen legte. Für den Landschaftsschutz gebe es mittlerweile ebenfalls eine öffentliche Behörde. Vor zehn Jahren schließlich verlor der Heimatbund mit dem Niederbergischen Museum auch noch das letzte Zugpferd, nachdem sich dort der Trägerverein gegründet hatte.

Und was ist mit der Heimat, wie sie noch im eben zitierten Gedicht von Marianne Tiefenthal beschworen wurde? Wird sie zu einer Sehnsuchtslandschaft für Gefühle, die man überall auf der Welt leben kann? Womöglich wird man sich auch in Wülfrath schon bald daran erinnern. Es könnte sein, dass es dann längst zu spät ist - weil das alte Wülfrath nirgendwo mehr zu finden ist.

Quelle: RP
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