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Wülfrath
Musicalfan baut sich seine Kathedrale

Wülfrath. Ende der 1990er-Jahre kaufte Bernd Kicinski das Areal am Schlupkothen. Aus der ruinösen Anlage machte er eine Pilgerstätte für Kulturfreunde. Nebendran steht seine Schreinerei. Die Kreishandwerkerschaft ehrt ihn am Donnerstag. Von Valeska von Dolega

Bernd Kicinski ist ein waschechter Musical-Fan. Ob "Les Miserables", "Joseph", "Die Schöne und das Biest" "Cats" oder das Udo-Jürgend-Singspiel "Ich war noch niemals in New York" - von Hamburg bis Stuttgart, Bochum bis Berlin, wo in Deutschland Musicals aufgeführt werden, ist er hingereist. Als schönen Gegenpol und entspannenden Moment zu seinen Aufgaben als gelernter Tischler empfand der inzwischen 51-Jährige diese musikalischen Ausflüge.

Ursprünglich betrieb der gebürtige Wülfrather seine Werkstatt in Metzkausen. "Von den Aufträgen von damals kann man heute nur träumen", erinnert er sich an schöne handwerkliche, aber eben zeitintensive und anspruchsvolle Aufgaben, zu denen die Kultur den passenden Ausgleich schuf. Die neuapostolische Kirche in Mettmann bauten er und sein Team von der Decke bis zum Altar aus, für die Klosterkirche in Bayenburg in Wuppertal nahm er sich der Portale an. "Pro Tor waren die 3,30 mal 1,30 Meter groß und wurden in Kassettenform ausgebaut." Geschäftsausbauten in Moskau, Bühnen für den Karneval in Düsseldorf und immer mal wieder Kulissen für TV-Formate füllten das Auftragsbuch.

Anstelle aber damit anzugeben, dass er auch für Pilotprojekte von Showmaster Frank Elstner tätig war, kommt er zu seiner Herzensangelegenheit, der Kultur. "Und über einen Zufall bin ich dann auf das Areal am Schlupkothen aufmerksam geworden." Damals war das ehemalige Gründungsgebäude der Rheinischen Kalksteinwerke mehr Ruine als alles andere. Die Alten Herren Schlupkothen hatten hier ihr Clubheim und das Vereinsleben vor Ort wollte der Tischler mit Hang zu den schönen Künsten schon damals gerne unterstützen. Nach Hauskauf und Modernisierung, dem Aufbau einer modernen Tischlerei verwandelte er die vormalige Dreiraumansammlung unterschiedlicher Größe zur selbst ausgebauten Kathedrale. "Weil 2001 der Begriff 'Kommunikation' in aller Munde" war, benannte er das Gebäude entsprechend als Kommunikationscenter. Ein Ort für allerlei Gelegenheiten, den Bernd Kicinski und Mitorganisator Norbert Laschewski schnell als Vortragsort für Lesungen etablierten. "Aber das entwickelte sich als zu großes Zuschussgeschäft." Mit dem Kurswechsel zu einem stärkeren musikalischen Schwerpunkt, eingeleitet durch die Auftritte Tom Dauns, Harfner aus Solingen, kam der Erfolg. "Etwa 30 Veranstaltungen haben wir im Jahr", das waren mal mehr. Aber weil Kicinski Auswahl, Booking und Organisation allein stemmt, ist mehr Programm kaum realisierbar. Wenngleich es an Anfragen nicht mangelt. Wer die Kathedralenbühne nutzen möchte, bewirbt sich mit Demo-Band, "da höre ich rein oder sehe es mir an und überlege, ob der Künstler zu uns passt". Tom Daun, die HeartDevils oder Dr. Mojo gehören zu den Stammgästen, "wir versuchen, Bewährtes und Neues abwechslungsreich im Programm zu kombinieren". Sein Publikum hat sich das Kathedralen-Team, unentgeltlich tätige Ehrenamtler, längst erspielt. "Es gibt Leute, die sagen: 'Wenn ich Sonntag Zeit habe komme ich.' Denen ist ganz egal, wer auf der Bühne steht weil sie wissen, dass es immer etwas Sehenswertes ist."

Den Mut, "Dinge auf sich einströmen zu lassen und mal Neues zu erfahren", wünscht sich der Mann, der zudem Geschäftsführer des Stadtkulturbundes ist, von mehr Menschen. Als Phänomen unserer Zeit empfindet er die totale Überfrachtung. "Wir setzen uns selten mit dem Auseinander, was ist, sind zu selten im Hier und Jetzt und dafür gedanklich immer schon bei dem was kommt und getan werden muss." Mehr bei sich zu sein, da helfe Kultur. "Bei Lesungen lernte ich, wieder richtig zuzuhören." Ein wichtiger Aspekt in seinem Leben. "Ich bin permanent in action." "Mein schlechtes Gewissen treibt mich manchmal frühmorgens raus, obwohl mein Körper nein sagt."

Quelle: RP
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