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Wülfrath
Sara Atzmons Kampf gegen das Vergessen

Wülfrath: Sara Atzmons Kampf gegen das Vergessen
Sara Atzmon und ihr Mann Uri im Familienzentrum Düsseler Tor. FOTO: DJ
Wülfrath. Die 82-Jährige sprach in Wülfrath über ihr Überleben, ihre Erinnerungen und appellierte an die Deutschen. Von Thomas Peter

Sara Atzmon war zwölf Jahre alt, als sie den Holocaust überlebte. Jetzt, 70 Jahre später, kam sie nach Wülfrath, um im Familienzentrum Düsseler Tor gegen das Vergessen zu arbeiten. Als eine der letzten lebenden Zeitzeugen ist es ihre Mission, besonders mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen und ihnen von den Gräueltaten der Nazis zu erzählen. Denn die meisten wüssten heute überhaupt nichts mehr davon, so ihre Erfahrung von Atzmon und ihrem Mann Uri.

Das Problem zeigte sich im Familienzentrum: Gerade einmal zehn Besucher waren gekommen, darunter nur zwei Jugendliche. "Ich hätte mir eine größere Runde gewünscht", sagte Gastgeberin Gitti Girschewski. Die Teilnehmer konnten das bestätigen. In den Schulen werde heute nur noch sehr kurz über den Zweiten Weltkrieg gesprochen - und das auch erst in der Oberstufe. Wer mit der Mittleren Reife abgehe, hätte im Unterricht von dem gerade für die Deutschen so wichtigen Thema noch nie etwas gehört. Deshalb sei es die Verantwortung der Eltern, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, wenn die Schule in dieser Hinsicht versage.

2012 wurde ein Dokumentarfilm über das Leben von Sara Atzmon gedreht. Den schauten sich die Teilnehmer zunächst an, bevor Atzmon selbst erzählte. Sie war elf Jahre alt, als sie und ihre orthodox-jüdische Familie aus einem ungarischen Ghetto ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert werden sollten. Doch in Auschwitz war kein Platz mehr, so kamen sie zunächst in ein Arbeitslager nach Österreich. Es folgte eine Odyssee des Schreckens durch halb Europa, von einem Arbeitslager in das nächste Konzentrationslager. Die Züge standen mehr auf der Strecke als das sie fuhren. Das bedeutete: Wochenlang waren sie bei Kälte und ohne Verpflegung und Toiletten in einem Waggon eingepfercht. In den Lagern selbst spielten die Kinder zwischen Leichen, schlossen Wetten ab, wer am nächsten Tag stirbt und wer erst übermorgen. "Die Deutschen wussten schon lange, dass der Krieg verloren war, als sie beschlossen, noch elf Millionen Juden in Europa zu vernichten", sagt Atzmon. In Ungarn lebten damals 800.000 Juden. Sie sollten innerhalb von fünf Wochen vergast werden, so der Plan der Nazis.

Kurz vor Kriegsende, die Familie war gerade in einem Transport von Bergen-Belsen, blieb der Zug auf offener Strecke stehen. US-Soldaten befreiten die Überlebenden und brannten das Lager wegen Typhusgefahr nieder. Die Zwölfjährige wog damals nur noch 17 Kilogramm.

Familie Atzmon kam am 16. Juli 1945 mit dem ersten Schiff aus Marseille in Palästina an, wo sie sich ein neues Leben aufbauten. Der Vater war im KZ umgebracht worden, der Rest wurde gerettet. Sara Atzmon wuchs in einem Flüchtlingsheim mit 200 Kindern auf, lernte hebräisch und ging zur Armee. Erst 20 Jahre später sprach sie zum ersten Mal über das Erlebte. 1987 begann sie, es in Gemälden festzuhalten. Heute ist sie eine bekannte Künstlerin, die schon 230 Ausstellungen auf der ganzen Welt zeigte, und Patriarchin einer großen israelischen Familie ist: Mit sechs Kindern, 20 Enkeln und einer stetig wachsenden Zahl an Urenkeln sagt sie heute: "Ich habe es geschafft." In Israel wüssten schon die Kleinsten, was ihr Volk vor 70 Jahren erlitten hat, sagt sie. Reisen nach Auschwitz seien fester Bestandteil des schulischen Lehrplans. In Deutschland wurde dagegen vieles zurückgeschraubt. Im Dokumentarfilm kommen Menschen zu Wort, die entweder nichts vom Holocaust zu wissen behaupten, oder der Meinung sind, es müsse nun "endlich mal gut sein". Sara Atzmon ist anderer Meinung: "Ich mache keine Schuldzuweisungen, aber ich möchte, dass die Deutschen Verantwortung übernehmen und alles dafür tun, dass so etwas nie wieder passiert." Sechs Jahre hätten die Deutschen gebraucht, um sechs Millionen europäische Juden zu ermorden, heißt es im Film. Doch 60 Jahre hätten sie gebraucht, um ihnen in Berlin ein Mahnmal zuzugestehen.

Quelle: RP
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