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Xanten
58 Jahre danach: Ein Missbrauchsopfer erzählt

Xanten: 58 Jahre danach: Ein Missbrauchsopfer erzählt
Klaus Gruber (71) lebt seit Kurzem in Marienbaum und wurde als Kind missbraucht. "Ich war 13, ein schmächtiges Kerlchen." FOTO: arfi
Xanten. Klaus Gruber war 13, als er vom Fußballtrainer sexuell missbraucht wurde. Heute lebt er in Marienbaum und kann mit Distanz auf sich selbst als Opfer blicken. Mit seiner Geschichte will er aufrütteln. Von Heidrun Jasper

"Ich konnte mit keinem reden, auch nicht mit meinen Eltern. Das wurde damals totgeschwiegen." Noch heute hat Klaus Gruber die Bilder im Kopf. Im Gegensatz zu damals kann er heute aber offen darüber reden - über den Missbrauch, den er erfahren habe, damals, vor 58 Jahren. Er will damit ein Zeichen setzen und helfen zu verhindern, dass anderen irgendwann Ähnliches widerfährt.

Die Geschichte eines Aacheners, der sich gegen Kindesmissbrauch engagiert, hat Klaus Gruber bewogen, ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen. Wie in unserer Zeitung berichtet, fährt der Aachener Markus Diegmann - selbst ein Missbrauchsopfer - seit einem halben Jahr mit einem Wohnmobil durch die Lande und sammelt Unterschriften gegen die Verjährung der Straftat Kindesmissbrauch. "Tour 41" steht an Diegmanns Wohnwagen, weil, statistisch gesehen, jeden Tag 41 Kinder missbraucht werden. Auch Klaus Gruber hat dies erfahren.

"Ich war 13, ein schmächtiges Kerlchen", erzählt der heute 71-Jährige. "Ich bin zum Fußball gegangen. Wir haben draußen trainiert." Der Sportplatz lag etwas außerhalb auf einem Feld. "Es war Sommer, hellichter Tag. Da hat er mich ins Gebüsch gedrängt und vergewaltigt", erzählt Gruber. Gewehrt habe er sich nicht. "Dazu war ich körperlich gar nicht in der Lage."

"Er", das sei der Übungsleiter gewesen, gerade mal "18 oder 19 Jahre alt, ich weiß es nicht mehr so genau". Was er aber noch genau weiß: Dass der Übungsleiter groß und stark war. Und dass der sich auch an anderen Jungen aus seiner Clique vergangen habe. Er weiß es deswegen, weil irgendwann eine Polizistin in der Volksschule in dem Dorf Rodermark in Hessen aufgetaucht sei, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Sie habe nicht nur ihn, sondern auch andere Jungen aus seiner Klasse nacheinander herausgebeten. Wer sein Schweigen gebrochen habe, weiß Klaus Gruber bis heute nicht. Aber zu einer Anzeige sei es nie gekommen.

Auch er habe sich dann seinem Vater anvertraut. Der Vater habe den Missbrauch anzeigen wollen. "Mach' das nicht", habe er ihn angefleht, "dann bin ich der Einzige aus der Clique, der vor Gericht geht." Dass er trotzdem weiter zum Fußballtraining gegangen ist, begründet er rückblickend damit, dass er doch so furchtbar gerne Fußball gespielt habe. "Aber ich bin nie wieder nach dem Training duschen gegangen. Ich hatte immer Angst vor ihm." Als er 18 war, habe es erneut eine sehr unangenehme Situation gegeben: "Ich war im Kino, da setzte er sich neben mich, wollte mir wieder an die Wäsche." Da habe er sich aber wehren können. "Lass die Finger von mir", habe er seinen Peiniger gewarnt.

Vor sieben Monaten erst ist der Elektriker von Frankfurt an den Niederrhein gezogen, hat in Marienbaum eine neue Heimat gefunden. Er wohnt in dem Haus, das seine Frau als gelernte Bauzeichnerin selber entworfen hat, in das sie selber aber nie einziehen konnte. Denn sie ist vor sieben Monaten nach schwerer Krankheit verstorben.

Klaus Gruber ist froh, dass er jetzt hier lebt. "Ich erlebe zum ersten Mal in meinem Leben eine nette Nachbarschaft. Man hilft sich, man kriegt eine Antwort, wenn man was fragt - das kenne ich von Frankfurt nicht."

Rachegefühle hat der Wahl-Marienbaumer nicht. "Ich habe das alles abgehakt. Das hat mir verdammt wehgetan. Aber es ist gelaufen. Ich kann sowieso nichts ändern. Es ist doch nicht rückgängig zu machen", sagt er. "Gut, dass es heute anders ist, dass man drüber redet", schiebt er noch hinterher und hofft, dass durch das Reden Menschen, die Schutzbefohlene missbrauchen, auch zur Verantwortung gezogen werden.

Quelle: RP
 
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