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Xanten
Archäologen suchten die Siegfriedsburg

Xanten. Dr. Patrick Jung beleuchtete die Verflechtung zwischen den Prähistorikern und den Nationalsozialisten. Die Interpretation zählte, nicht die wissenschaftlichen Belege. Von Peter Gottschlich

Als in den 30er Jahren das Amphitheater der Colonia Ulpia Traiana ausgegraben wurde, geschah das nicht aus Interesse an römischer Geschichte. Vielmehr suchten die Vor- und Frühgeschichtsforscher dort eine Siegfriedsburg. Schließlich hatte Philipp Houben 1839 auf dem Gebiet der römischen Stadt privat gegraben, um dabei auf kunstvollen Grabschmuck zu stoßen und ein "deutsches Fürstengrab" auszurufen. "Mit der Suche nach der Siegfriedsburg war die Finanzierung gesichert", sagt Dr. Patrick Jung. "Das war eine Win-Win-Situation für die Römlinge und die Völkischen."

Der 39-jährige Vor- und Frühgeschichtsforscher kam für seinen Vortrag nach Xanten zurück, wo er von 2010 bis 2012 Volontär und wissenschaftlicher Mitarbeiter im APX gewesen war, um im Siegfriedmuseum über die "Archäologie in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus" zu sprechen. Dabei hatte er besonders den Niederrhein im Blick. "Zuerst haben Privatpersonen gegraben, wie Philipp Houben", berichtete der Kurator der Archäologischen Sammlung des Essener Ruhrmuseums. "Dann haben sich Verein gegründet, wie 1867 der Niederrheinische Altertumsverein." Ab 1900 seien in Deutschland archäologische Institute entstanden, Archäologen fest vom Staat eingestellt worden und Archäologie ein Studienfach geworden, also in der Zeit, die unter Kaiser Wilhelm II. völkisch geprägt war.

Den damaligen Geist stellte er mit einem Zitat von Wilhelm Teudt vor. "Es gibt eine eigenständige germanische Hochkultur", hatte dieser Archäologe ohne Beweis behauptet, der von 1860 bis 1942 lebte. "Die archäologischen Kulturprovinzen decken sich mit bestimmten Völkern oder Völkerstämmen." Viele Archäologen hätten dieser völkischen Richtung angehört, am Niederrhein zum Beispiel Rudolf Stampfuß. Nicht wenige hätten schon vor 1933 ein braunes Parteibuch besessen.

Diese Prähistoriker hätten sich von den Römlingen abgegrenzt, also den Forschern der Vor- und Frühgeschichte, die vor 2000 Jahren die Griechen und Römern als Hochkulturen mit Städten, Skulpturen und Schrift angesehen hätten. Gegenüber diesen Kulturen hätten sie die vielen Völker abgegrenzt, die von den Römern unter dem Begriff Germanen zusammengefasst worden seien. Adolf Hitler habe mit dieser Gruppe sympathisiert, aber das nicht öffentlich gesagt, weil das nicht zur völkischen Ideologie der Nationalsozialisten gepasst habe.

Vielmehr hätte der Reichskanzler den Archäologen freien Raum gelassen, die die germanische Vorzeit überhöht hätten, um eine direkte Linie ins deutsche Reich "nachzuweisen". Dabei machte Patrick Jung zwei Richtungen aus, eine um den NS-Chefideologen Alfred Rosenbeg und eine um den SS-Chef Henrich Himmler. "Die Interpretation der Fundstücke stand im Vordergrund", meinte der Referent. "Wissenschaftliche Belege spielten keine Rolle."

Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Archäologen in ihren Positionen geblieben. Der Referent forderte, nicht zu pauschalisieren, sondern bei den Verflechtungen genau zu differenzieren, wer Täter und wer Opfer sei, wer Gegner, Mitläufer oder NS-Aktiver. "Die Aufarbeitung der NS-Geschichte wird die Archäologie noch einige Jahrzehnte beschäftigen", meinte er abschließend, bevor 40 Zuhörer die zentralen Punkte des Vortrages in einer Fragerunde vertieften.

Der Vortrag fand im Rahmen der aktuellen Ausstellung "Mythos Germanien - Mythos Nibelungen" statt.

Quelle: RP
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