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Xanten
Auf der Fazenda ins Leben zurückfinden

Xanten: Auf der Fazenda ins Leben zurückfinden
Frank Soons aus Belgien lebt seit Anfang des Jahres in der Fazenda. In "seiner Familie" will er den Weg zurück ins normale Leben finden. FOTO: Hans Spütz
Xanten. Die Einrichtung für Männer, die ihre Sucht überwinden wollen, feiert morgen ein großes Fest. Zwei Bewohner berichten aus ihrem Leben. Von Heidrun Jasper

Die Bewohner der Fazenda da Esperance im ehemaligen Kloster Mörmter erwarten zu ihrem Sommerfest am Sonntag, 11. Juni, 13 bis 17 Uhr, hohen Besuch. Die Begründer der "Höfe der Hoffnung", Pater Hans Stapel und Nelson Giovanelli, die in Sao Paolo in Brasilien den ersten Hof der Hoffnung eröffnet hatten, kommen gemeinsam mit 50 ehemaligen Bewohnern der Höfe aus aller Welt nach Xanten. Und ihnen ist es allen so oder so ähnlich gegangen wie zwei aktuellen Bewohnern.

Sie sind beide Ende 40, kommen aus Belgien und einer Stadt im Ruhrgebiet, leben seit Januar auf der Fazenda da Esperanca (ehemals Kloster Mörmter) und haben das gleiche Problem: Sie sind Alkoholiker. Und beide Männer wollen endlich und endgültig loskommen vom Alkohol, trocken bleiben, nicht mehr rückfällig werden wie so oft in der Vergangenheit, als sie immer wieder in Kliniken entgifteten und versuchten, trocken zu bleiben.

Peter Z. (Name von der Redaktion geändert) hat durch den Alkohol alles verloren: Seinen Job als Sozialarbeiter (er hat 19 Jahre lang in einem Heim für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen gearbeitet, neun Jahre davon als Gruppenleiter), sein Haus, seine Frau, seine beiden Kinder, inzwischen 15 und 18 Jahre alt. "Sie konnten es nicht mehr aushalten, meine Sucht", sagt der 48-Jährige. Er versteht, warum sich seine Frau und seine Kinder von ihm abgewendet haben, genau wie einige Freunde, die immer wieder helfen wollten, aber nicht zu ihm durchkamen.

Der 48-Jährige, der mehr als 30 Jahre als Gitarrist in einer Band Irish Folk gespielt hat, geht analytisch mit seiner Sucht um. "Mein Fehler war es, dass ich mich nicht abgegrenzt habe. Ich war unstet, rastlos, hatte Panikattacken und hab' mich mit Alkohol betäubt, ruhig gehalten". Zuerst mit Bier, später mit Wodka. "Ich war körperlich heruntergekommen, habe zum Schluss nur von Zigaretten, Dosensuppen und Alkohol gelebt", erzählt Peter Z. "Mein Vater ist jeden Tag vorbeigekommen, um zu gucken, ob ich noch lebe. Das ist das Schlimmste für Eltern, für die Familie".

Wie er kommt auch Frank Soons (47) aus gut bürgerlichem Haus, hat einen ähnlichen Weg hinter sich. "Alkohol hat in meinem Leben immer eine Rolle gespielt", sagt der Belgier, der in Diskotheken als Kellner und Türsteher gearbeitet, viel gekämpft, "auch schnell mal zugeschlagen" hat und wegen gefährlicher Körperverletzung dreieinhalb Jahre im Gefängnis saß. 26 Jahre war er da. Als er 'rauskam, lernte er Zuhälter kennen, machte in Deutschland einen Club auf - "und da stand er wieder parat, der Feind Alkohol".

Nein, er habe keine schlechte Kindheit gehabt, sagt Soons: "Ich habe liebe Eltern, die immer noch hinter mir stehen." Er war sechs Monate alt, als sie ihn adoptierten, war 18, als er durch Zufall erfahren hat, wie seine biologische Mutter heißt und wo sie lebt. "Ich hab mich ins Auto gesetzt, bin hingefahren, eine Stunde dort geblieben. Das war's." Seitdem hat er "die Frau" nicht wiedergesehen.

Wie Peter Z. hat er oft versucht, vom Alkohol ("bei mir ist es Bier, immer nur Bier") loszukommen, hat stets im gleichen Krankenhaus den Entzug gemacht. "Normal" sind 21 Tage körperliche Entgiftung, 21 Tage Gespräche mit Psychologen und Ergotherapie, acht bis 14 Wochen Langzeitbehandlung. 14 Monate dauerte die letzte Therapie bei Frank Soons. In der Klinik hat er einen Brief an Moritz Bucher geschrieben - er leitet seit Jahresanfang die Fazenda da Esperanca, hat um Hilfe gebeten. "Tot war ich lange genug", sagt er, "ich hatte keine Achtung mehr vor mir."

Ein Jahr lang bleiben die beiden Männer in der Fazenda. Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Handy oder Internet, kein Ausgang, Fernsehen nur im Gemeinschaftsraum und nur zu festen Zeiten, viele Gespräche. "Hier leben Menschen, die versuchen, mit Respekt mit sich und dem anderen umzugehen", erzählt Peter Z.. Frank Soons nickt zustimmend: "Das Schöne an der Fazenda ist: Wenn du das Jahr geschafft hast und dein Leben wieder aufnimmst, kannst du jederzeit zurückkommen, wenn du merkst, du schaffst es alleine doch nicht."

Die Angst, rückfällig zu werden, bleibt. Aber sich nicht mehr verstecken, nichts mehr verheimlichen müssen, aufzuwachen ohne eine Fahne zu haben: Das finden beide großartig. Sie sind stark geworden, sagen sie, haben zum ersten Mal "das Gefühl, dass noch was kommt, sich bewegt, dass es weitergeht". Letztes Jahr um diese Zeit, weiß Peter Z. noch genau, "da ging es mir ganz schlecht. Hätte mir da jemand gesagt, dass ich mal zur Ruhe kommen würde und Frieden finde, das hätte ich nicht geglaubt". Seine Hoffnung ist es, wieder Kontakt zu seinen Kindern zu bekommen, denen er wünscht, "dass ihnen das erspart bleibt, was ich durchgemacht habe".

"Wir sind Familie, wir sind Hoffnung" steht in grünen Lettern auf dem schwarzen T-Shirt von Frank Soons. Er würde gerne wieder in ein normales Leben zurückfinden, als Anstreicher arbeiten, die innere Ruhe bewahren und mitnehmen, in den Spiegel gucken können und sagen: "Mir geht es gut."

Quelle: RP
 
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